
Chaos-Hierarchien

Renée Nesca

Reich an diesem. Arm an jenem.
Schönes Haus. Ekelhafte Worte. Kompetent im Beruf. Unfähig mit Gefühlen. Gesunde Leistungen. Kranke Freundschaften. Intelligent wie ein Roboter. Stumpf wie die Leere in jeder deiner Gesten. Weiß, Schwarz, Weiß, Schwarz.
Erlernte Professionalität. Aufgesetzte Maske.
Wo ist das wahre Ich? Wer bist du dahinter? Wie bist du? Wie fühlst du wirklich? Was interessiert dich? Was tust du, wenn die Repräsentation nach außen keine Rolle mehr spielt?
Welche Rolle könntest du niemals ablegen?
Angemessene Reaktionen. Berechenbares Verhalten.
Antrainierte Blicke, Gesten, Lächeln, Worte.
Funktionieren in einer Gesellschaft. Geschafft – es läuft.
Massen-Ware-Massen-Menschen.
Mich interessiert, wer ihr wirklich seid. Hinter der Fassade.
Floskeln. Smalltalk. Trivialgespräche – das zivilisierte Leben erhaltend.
Auf der anderen Seite: Bilder von Künstlern mit einem Fünkchen mehr Echtheit. Eine Spur gehaltvoller als das tägliche Geschwätz einer Person, die sich elitär fühlt.
Doch warum kommunizieren Leute in verschiedenen Meta-Sprachen?
Und ich frage mich selbst, wie ich dazu stehe: Ist es Verachtung oder ist es Neid? Will ich die Sprache der Elite beherrschen?
Putzte ich mit meinen Tränen meine Brille.

Ein Kreis und ein Auge, das ihn umschließt, weisen mir den Weg zu vielen Fragezeichen, deren Ende sich in der Feuchtigkeit der runden, weißen Äpfel sammelt.
Ich steige auf ein Schiff und begebe mich auf eine Reise, hinein in den Blick. Segele durch die schwarze Nacht, durch Dickicht und verschmutzte Routen.
Meinem eigenen Schrecken begegne ich dort von Zeit zu Zeit. Die Fahrt erinnert mich an eine Geisterbahn – gebündelte Furcht und Adrenalin rennen um die Wette.
Meine Entschlossenheit jedoch wird nicht schwach.

Solange die Musik lauter ist
Als meine Gedanken
Ist alles gut


Nein.
Der selbst undurchdringbare Dorn im Auge eines realen Menschen aus der Wirklichkeit meint es gut mit seinem „Nein“. Manchmal kommt es diesem Jemand aber anders vor.
Meine magersüchtige Realität.
Guten Appetit.
Im Winter ist es zweifarbig. Die kühle Luft besteht aus zwei gleichen Farben. Im Frühling herrscht eine bunte Mischung zwischen Nässe, Trockenheit und milden Windstößen. Frühlingshafte Tage beinhalten selbstverständlich ebenfalls winterliche Eigenschaften.
Und der Sommer ist der Anfang. Zu Beginn erhellt der Überfluss die Straßen. Durchschnitt. Und es bleibt nicht konstant. Den Herbst gibt es nicht. Ich liebte den Herbst. Irgendwann verdrängt in einen toten Winkel.

Die Gedanken formen sich zu chaotischen Wolken, die sich sammeln mit Worten, bis der Himmel aufbricht und Lösungen auf uns hinab brennen. Egal, wohin man sieht, die Unklarheit des getrübten Farbsinns durchzieht diese Welt. Meine Welt? Der nonverbale Filter in mir und um mich herum gestaltet mich und meine Welt. Nein, nein, alles andere ist nicht meine Welt. Für dieses Leben bezeichnend.

Zwing‘ es mir nicht auf.
Meine Zügel sind frei. Ich bin ohnehin schon anonym in meiner Welt. Außerhalb ist nichts, das mich besonders machen könnte.
Nicht einmal die Senkrechte in meinem Auge hält mich auf. Der Sprung erreicht mein Bewusstsein.

Dein Blick erreicht mich nicht.
Doch es genügt mir, zu wissen, dass deine Anwesenheit mit Leichtigkeit meine Fesseln entzweit, bevor ich drohe einzugehen.
Eine Berührung mit der Luft und ich spüre die Reflexion meiner Selbst in dir, du wunderbarer Spiegel. Fenster meiner Zuflucht, in der ich mich wiederum erkenne.
Auf der anderen Seite des Fensters werde ich zu mir, mit dir, und sehe zurück mit gesättigter Stimmung nach Aufbruch.
