PROSA.

Der Kopf

Laute aus meinem Mund, die erzeugt werden mussten und Worte, die eine Illusion präsentieren. Ein Brummen, dass das Schauspiel perfekt macht. Eine rundum gelungene Täuschung. Und das für eine nette Summe.

Die Grenzen sind nicht klar. Die von Geld hypnotisierten Augen können die Warnsignale nur schwach bis gar nicht erkennen und selbst, wenn sie vor ihnen deutlich aufleuchten, verschließen sie sich und gehen blind über die Barriere. Doch, sollte dahinter ein Abgrund lauern, so sind sie taub für jeglichen Rat und kennen keine Zurückhaltung. Stufenweise sinken sie herab und registrieren den stummen Fall nicht einmal. Der langsame Verbrauch, die Verdorbenheit, die mit dem Fallen einher geht, bleibt ihnen verhüllt. Sie verschlingen das Geld und dursten jedes Mal nach mehr – es ist nicht mehr gesund. Wie besessen, raffen sie nach dem nächsten Reiz.

Die Stimmen von außen sind so leise und bedeutungslos im großen Kopf. Es treibt höchstens ein Wind auf dem kleinen Meer, der meist still im Kopf verweilt und der Ideen ans Ufer spült, die von unterster Tiefe des Meereshalses kommen und da vielleicht doch besser hätten bleiben sollen.

Wie Hyänen mit feuchten Mundwinkeln, warten sie auf den nächsten Betrag. Es sind kleine Monster im Gewässer, die gefüttert werden möchten.

Sie spucken ihre Perlen vor die Säue und wachsen durch den Tausch immer weiter. Sie gedeihen und schießen in alle Richtungen, sodass bald kein Platz mehr ist im Kopf voller Wasser.

Doch es kommt der Zeitpunkt, an dem das Getier einer unberechenbaren Macht zum Opfer fällt. Die Flüssigkeit schwappt über und dringt aus allen Öffnungen. Nichts bleibt zurück als Leere.

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Mit: Saher Abdulraouf
LYRIK.

Zauberei

Gefressen werden
Ich halte es nicht mehr aus
Simsalabim
Auf Zehenspitzen
Ins Wanken kommt mein Gehirn
Abrakadabra
Wohl überlegt
Der Salat hält mich nicht gesund
Hokuspokus
Moment Moment
Die Züge rasen im stillen Gedenken
Die Züge rasen um die Wette
Die Züge rasen und rasen weiter, weiter, überholen mich, weiter, immer weiter

Zugleich ereilt mich ein Watteknäuel
Zugerichtet wie ein armes Zwillingstier
Ich bettele um 100 Watt
Im Bericht des guten Wetters

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Mit: Xiaoyin Wang

 

PROSA.

Der rote Monsun im Norden

Geheilt werden wollte etwas in mir. Ein Splitter in meiner Haut verzehrte mich von innen und sog meine Kraft zu denken an sich. Poren reinigten sich selbst durch kaltes Blut und den Verlust an Widerstandsvermögen.

Eine Taschenlampe richtete sich auf mich. Unbemerkt erspähte sie ein und mehrere Blicke, Augenblicke, Anblicke. Dann tastete sie mich ab. Nach Fehlern.
Meine Haltung war aus der Ferne betrachtet stolz und eigen. Die Perfektion eines konstruierten Bildes eines Ausschnitts von mir, mein liebster Teil.

Das runde Spitzlicht gleitet weiter, tastet im Verborgenen. Spannung schleicht sich ein und die Zehenspitzen, auf denen sie geht, drohen zu brechen, doch bestechend genau und vorsichtig scheu pikst sie Schritt für Schritt nach oben. Die Richtung ist klar. Es geht vorwärts an die Spitze des Eisberges, wo der Höhepunkt wohnt.

Die Spitze baut sich stark und stolz vor ihr auf, es ist noch weit.

Ein neuer Dorn schleudert mir entgegen. Ich wende mich, fange gekonnt und schwelge in Erinnerung an diesen Stachel, wie er mir im Zentrum meines Auges in Zeitlupe entgegen fliegt.
Genüsslich lasse ich ihn in mein Herz. Angespitzt setzt er an und beginnt sich zu drehen.
Ich erkenne das Leuchten.

Die Taschenlampe blickt nun rhythmisch in meine Augen, durchdringt sie, findet, sucht, findet, sucht. Die Aufmerksamkeit schwindet hin und wieder im Takt des Interesses.

Bald ist es soweit, denke ich.
Der Berg, auf dem ich dem Licht entgegen wandere, ist bald erklommen.

Furcht und Vorfreude vor der Pflanze, der Blüte der Rose, von der dieser Dorn in mir steckt, spüre ich. Von Schmerz ist keine Spur.

Also begegnete ich im Norden der spitzen Rose. Ich ließ mich stechen, hier und da.
Ich ließ mich genießen.
Ich ließ mich ausnehmen.
Ein Mann, ein Dorn und Hörner aus Rosenblättern, die mich betörten.

So bestieg ich also immer wieder diesen Berg. Einen Berg aus Spannung und Wollen, immer mehr Wollen und Wollen.
Selten hielt ich Ausschau, öfter blickte ich in den tiefen, kalten Nebel unter mir. Licht setzte mir in die Augen. Dann sah ich nicht mehr in der Dunkelheit.
Zuerst verlegen von dem Leuchten der Taschenlampe, dann geblendet durch die grelle Helligkeit im Norden, wandte ich mich nach innen. Dort scheuchten dunkle Schatten die groben Geister der Vergangenheit auf und blickten mich nicht an.
Ich sah nichts mehr.

Im Innersten der Dunkelheit in mir wühlte ich und begann selbst zu suchen. Ein rotes Tuch,
ein Lippenstift oder ein Tropfen Himbeersaft – all das kam nicht an, gegen das Rot der Blütenblätter meiner teuflischen Liebe.

Er hingegen wurde immer mehr zu dem, was ich in mir vergeblich zu finden versuchte.
Die Röte um seine Hörner wurde deutlicher.

Irgendwann nahm auch wieder meine Sehkraft Zeugnis davon. Ich hielt inne, kurz.
Und ich dachte: Bei diesem tausendsten Versuch, den vorüberziehenden Film festzuhalten, werden meine Augen nicht mehr scheitern.
An der Stelle alter Lasten sitzt dann, ruhig und still, eine pechschwarze Taube, deren Federn eifrig mitschreiben. Jede einzelne eine eigene Seite, getränkt in warmes, dunkles Blut.

Die Tropfen dieses Gedankens verfielen wiederum in die Abhängigkeit seines Ursprungs, sodass sich ein See bildete aus verletztem Begehren, aus Enttäuschung und aus der Freude, mich darin zu versenken. Zu ertränken.

Ich ertappte mich bei jedem Schritt, bei jedem Kreis, den ich in der dickflüssigen Masse verursachte. Die Taube aber blickt stolz gen Himmel. Oder war es das Nordlicht, das sie vermisste?
Jedenfalls suhlte sie sich in ihrer eigenen Unfähigkeit zu fliegen.

Ein Lied aus ihrem Schnabel hallte mir in den Ohren. Ich wollte es nicht mehr hören, doch die bizarre Taube war besessen von alten Worten:
„Worin ich schwebe, immer höher, immer schneller, auf dir, unter dir, teile deine Flügel mit mir. Lass uns zusammen die Höhen entdecken und die Tiefen erkunden.
Du klappst sie ein, ich streiche sachte über die zarten Federn.
Auf dem weichen Boden landend und im Hier und Jetzt, wünsche ich mir, wieder zu fliegen mit dir. Ich wache auf, denn du bist nicht da.“

Kreaturen aus der wachen Welt holten sie nach diesem letzten Ton und retteten mich aus wunderschönen, purpurnen Strudeln. Ich kehrte aus dem Wahnsinn in die gewohnte Verzweiflung zurück.

Der Nebel war verschwunden, ich verließ den roten See, gleitete am kalten Eisberg der Spannung vorbei und begab mich in mein gedankliches Krankenhaus, aus dem ich nun schon wieder ausbrechen wollte.

Eine Frage blieb bestehen, die ich, ehe ich sie ausgesprochen hatte, bereute.
Brennt die Flamme noch?
Dann ein Stich mitten ins Herz. Der Dorn war groß, er war spitz, er traf. Und er, der Mann nahm ihn sich zurück. Stücke meines Herzens flogen wild in Scherben, in Fetzen, in Tränen umher. Er zog sie an. Er rannte vor ihnen davon, wandte sich ab, schirmte sich ab. Zog eine Grenze.

Doch die Löcher und Wunden klopften und schrien ihn an. Brüllten um mehr. Weinten um die Wette.
Und ich saß da und fühlte, wie mich Teile meines Herzens verließen.
Unten, ganz unten angekommen, blickte ich dem Eisberg im hohen Norden empor. Spürte seine ausstrahlende Kälte. Empfing eine kühle Luft in meinen Lungen, die meine Organe trocken machten.
Meine Zunge hingegen vertrocknete nicht. Ich sprach.
Ich nahm mein Streichholz der Hoffnung und scheuerte es am Eis. Es schmolz einfach nicht.
Ich nahm mein Feuerzeug des Zwanges.
Eigentlich wollte ich den Eiserg verbrennen. Ich wünschte mir ein lichterlohes Feuer, an der Erinnerungen zu Grunde gehen sollten.

Doch dies gelang mir nicht, ich scheiterte immer wieder.
Das Licht schmilzt schnell, dachte ich. Zu schnell, als dass es einen kalten Rachebrand hervorrufen könnte.

Dann wandelte ich, von Zeit zu Zeit schlaftrunken oder wahnbenommen zu jener Stelle, wo ich von der einstigen Taschenlampe Kenntnis genommen hatte, doch es war nichts mehr zu sehen, kein Licht, keine Dunkelheit.
Das Nichts tat weh. Ich konnte es nicht ändern.

Also versuchte ich mich ebenso zu schützen vor neuen Stichen.
Und ich hielt mich fern, von der schwarzen Taube, die dem Pech unterlag und das Unglück gebar.

Hin und wieder nahm ich ihre Hinterlassenschaften – Eier, die sie gelegt hatte – und warf sie dem stolzen, eisigen Berg entgegen, in der Hoffnung, eine Reaktion zu erfahren. Doch es geschah nichts.

Das passive Nichts quälte mich.
Ich verwandelte mich in ein rotes, zorngeladenes Tuch, das im Wind wehte und wirbelte. Ich nannte mich Monsun.

Der Wind war beißend. Bald sammelten sich Schneeflocken auf dem Stoff.
Ich wickelte sie ein. Ein steinharter, kalt schmerzender Schneeball entstand.
Und ich setzte an, ihn loszuwerden. Schwer fiel es mir nicht, denn es war leicht, aus der Kraft der Wut und Verletzung zu schöpfen.

All das passierte in der dunkelsten Stunde in der hintersten Ecke meiner Überzeugung.

Zielgenau traf ich diesen eisigen, hohen Berg. Eiskristalle donnerten unterdessen von meinen Augen. Wie Blitze erschienen Dornen am gesamten Berg, heftigst demonstrativ verteidigend, was es zu schützen galt.
Mich aber schreckte das nicht ab.

An Waffen mangelte es mir nicht.
Ich spannte einen Bogen, fokussierte auf die Spitze des Eisberges und schoss ihm Pfeile aus Eis entgegen, aus den festesten Kristallen, die ich angesammelt hatte.

Es tat gut.
Vorerst.
Dann zeichnete sich eine rote Linie von dem höchsten Punkt des Berges, hinab zu mir.
Ich sah ein Aufleuchten. Ein rundes Licht im Norden, das zunächst dahinschmolz, bevor es sich flackernd in eine rote, grelle Sonne umwandelte.
Die Dornen, die wie Warnschilder ringsherum in jeder Ebene des hohen Eisfelsens herausstachen, begannen zu beben. Furchtbar laut wurde es auf einmal, während ich ohnmächtig dem Spektakel vor mir entgegenblickte.
Das Loch in meinem Herzen schmerzte und weitete sich.

Gib mir zurück, was du mir genommen hast, dachte ich.

Und wieder ging er meiner Bitte nicht nach. Ich wartete vergeblich in einer geräuschverstörten Nacht, ohne Hoffnung auf ein gutes Ende.
Rauschen.
Berauscht von der Reaktion der kreischenden Dornen, die dennoch starr blieben, ging ich einen Schritt auf sie zu, wollte sehen, was passiert. Wollte mehr, immer mehr. Auch wenn ich den Schmerz nicht beachtete, den diese Art von Ablehnung mir bescherte.

Kaum betrat ich die verbotene Zone, so ereignete sich ein wutentbrannter Zorn an Gemütern, dem ich nichts mehr entgegensetzen konnte.
Die beiden Hälften außerhalb der roten Linie vor mir brachen mit purpurnen Blitzen und Donnerknallen auf, zerfielen fast im selben Moment und wurden von dem Untergrund eingesogen.

Ich schenkte mir einen erneuten Widerstand. Ich gab auf, das Nordlicht noch weiterhin sehnsuchtsvoll wie eine Abhängige aus dem Boden zu graben. Es war zu spät.

Es blieb nicht viel zurück. Weder Röte noch grelle Helligkeit.
Die Luft bestand aus einem flachen Wind, der mich in die entgegengesetzte Richtung trieb.
Der dunklen Fläche, die übrig war, kehrte ich den Rücken zu. Es war Zeit, zu schwimmen, dachte ich.

Von der ersterbenden Kälte ließ ich mich weiter in die andere Richtung treiben.
Die Nacht war beinahe zu Ende, doch ein neuer Traum begann.

Mit geschlossenen Augen ging ich weiter, spürte irgendwann einen sandigen Boden unter mir.
Ich dachte an Glas, an Fragmente und unbeschreibliche Wärme, die wie im Fieberzustand von innen strahlt.

Beim Blinzeln in den Morgenstunden erkannten meine Sinne ein farbenfrohes Mosaik in der Ferne.
Abermals wollten meine Gedanken abschweifen, eintauchen in das Leid über den Verlust gestohlener Bruchstücke meines Herzens.
Ich habe Zeit, mich abzuwenden, dachte ich.

Nun, sitzend und mit wachen Augen, betrachtete ich das umherschwebende Mosaik am bläulichen Himmel. Das farbenfrohe Glänzen der Steine, zündete in mir Selbstheilungskräfte.
Die immer neu verspielte Anordnung der Elemente tröstete mich.

Leise und ruhig blieb ich sitzen und ließ mich heilen von Zeit, Wärme und dem Spiel des Zufalls.

Rotes Auge

 

 

LYRIK.

Schrill

Er ist geblieben der Ton
Versunken in den Augen voller Tränen
Dann kehrte er zurück
Im siebten, elften und dritten Nein

Ich glaubte, ihn zu sehen
Ihn erhaschen zu können
Aufsaugen
Wollte ich dich
Du makelloses Etwas
Ein Reim
Ein Vers
Ein Wort und Blätter, die umher schwingen
Schaukeln auf mir
In mir

Wo bin ich geblieben
Weggeblieben
Hängengeblieben
Stehen geblieben
In einem Chaos der Vernunft
Stränge ziehen wie Stränge an Haarsträhnen, die stumpf brechen und sich aufspitzen
Am Klang dieser Schönheit

Ich höre hin und will rauschen
Selbst
Will ich dich berauschen
Dir etwas klauen
Mittwoch

Oder morgen
Klagen über gestern
Vorgestern ausgerümpelt
Und ich lasse mich gehen

Sterben lasse ich dich und wieder genauso belebe ich mich
Über die Lippen zu dir
Mit einem Geräusch namens Feind
Doch wir kennen uns
Ganz gut

Woher kommt dein Maul
Fragte ich.
Höre ich mich sagen, nun.
Flüstern. Schreien
Im Rufen nach der Antwort
Hallte nur ein Ton, aus vielen Ecken wider und
Ich blieb Sitzen
Liegen
Rollte weg
Zu dir hin
Der Ton formte sich
Aus dem Nichts wieder in schwarzes, dickes Gold
Bevor er eine Wolke bestens
Klingender Scherben
Hervorstieß
Die mich ausnahmen

Es zischt
Dachte ich
Doch eigentlich meinte ich

Blitz
Und donnerndes Gelächter
Moment Moment

Blitz
Und donnerndes Gelächter.

0032

LYRIK.

Am Zwielicht nicht erstickt

Schweiß und Tränen perlten an ihrer Gänsehaut hinab

„Wo findet man Steine, an denen man sich nicht verschluckt“
Sagte sie
Von mir kam keine Antwort
Jedenfalls keine, die sie sehen konnte

Hören konnte ich wieder und wieder fragende Blicke

Diese laute Stimme in ihrem zarten Tonfall erschrak mich
„Ich sehe dich“
Erzählte ich ihr
Verschlungene Augen und hungrige Ängste ließen sie in mir erzittern
Meine Kontrolle drohte ihren Halt zu verlieren
Nur atmen durfte sie

Ein Zwielicht teilte sie

„Wer ist schuld. Woher kommst du“
Stand im Raum dazwischen
Fühlen konnte dadurch niemand mehr

Und fester hielt das Dunkel ihre Schwäche

„Mach mit“
Fragte ich mich dann

Und nie wieder

Bild 4
Mit: Marie Böffgen & Saher Abdulraouf