PROSA.

Ohne Seife

Der Mond schien schwach ins Zimmer, während die Texte verstreut auf Tisch und Boden lagen. Ihre Gedanken waren schwer wie Blei, ihre Glieder ernst und tot. Augen fahl wie Seide. Und ein zermürbtes Gesicht, als hätte es Motten. Jeglicher Glanz verschwand, immer wenn der Blick aus dem Fenster den Regentropfen begegnete. Nichts bedeckte den dürren Körper, als ein Tuch um ihre Schultern, das violett und mitternachtsblau gemustert war. Die Worte klirrten dumpf in ihrem Kopf. Sie konnte sich nicht von ihnen trennen, denn sie nahmen keinen Abschied. Das war ein Fehler.

Der traurige Blick senkte sich hinab zum wertlosen Papier. Es hatte nur den Wert, den sie ihm zuschrieb. Doch in Wirklichkeit war alles egal. Die Schrift war egal, der Inhalt. Sie war egal. So bedeutungslos, aber sie lebte.
Die Wangen glühten vor Anspannung. Die Hände zitterten vor Ehrfurcht. Die Sinnlosigkeit der Sache versteckte sich vor ihr. Vielleicht war sie aber auch blind dafür. Wahrscheinlich hatte sie gar kein Bewusstsein für die Nichtigkeit und Notwendiglosigkeit der Dinge, die sie zu interessieren schienen. Schon fast lächerlich wichtig nahm sie die ganze Arbeit. Sie konnte nicht anders. Sie erlag dem Zwang der Sprache.
Heute war es nicht schön in der Welt der Literatur.

Die Sätze spielten mit ihrem Kopf. Sie verspotteten sie. Sie erniedrigten sie. Sie trieben sie bis an ihre Grenze. Hemmungslos tanzten sie um sie herum, wie eine Horde frecher Kinder. Dann wuschen sie ihr den Kopf, ohne Seife.

Mal laut dann leise, flüsterten sie ihr Dinge zu – nicht in die Ohren, denn sie waren nicht zu hören. Sie waren nur zu spüren. Sie gingen ihr durch die Haut. Bis in die innerste Pore ihrer Seele. Und dann verschwanden sie nicht, nein. Sie nisteten sich in ihr Gedächtnis ein, wie Parasiten und richteten dort großen Schaden an.

Sie verstand, dass sie wissen sollte, dass sie nichts weiß. Und sie wusste, dass Fantasie wichtiger ist als jegliches Wissen, denn dies sei begrenzt. Doch was war, wenn das Wissen um die Fantasie auch begrenzt wäre und sie daran hindern würde, ihre Fantasie auszuleben und grenzenlos werden zu lassen? Sie wusste, dass sie die Antwort auf diese Frage nicht kannte. Auch sie konnte aus einem Kreis kein Quadrat machen. Sie gab nicht auf. Sie befand sich keineswegs in einem Zustand des Stillstandes. Sie stand still. Und im Gegenteil: Sie dachte auch nicht nach. Sie überlegte nicht. Sie raste ohne Pause, ohne Verschnaufen, ohne Atmen. Tot. Tödlich schnell überschlug sie sich beinahe.

Sie schloss die Augen und sah: Einen Knoten. Einen Knoten aus Sätzen. Sie ergaben im Zusammenspiel keinen Sinn, sodass sie sich in die Quere kamen. Sie verschmolzen förmlich und lösten sich nie wieder. So entstand ein neuer Sinn und eine neue Bedeutung der einzelnen Worte.

Sie wollte nicht schlafen; sie wollte nicht essen. Sie wollte nur eines, den Zusammenhang und schlussendlich den Sinn der Sätze herausfinden. Ob ihr dies noch heute gelang, in dieser Nacht? Das war zu bezweifeln. Denn sie war nicht mehr da.

Sie war nicht sauber. Die Reste des Tages und der ganze Müll, den sie über Wochen, Monate, Jahre angesammelt hatte, flog wild in ihr herum. Es war bereits so weit gekommen, dass ein turbulenter Wirbelsturm alles aufwirbelte, was nicht angewurzelt war. Alles wurde in Frage gestellt und mit allem wiederum verknüpft. Querverbindungen waren die Lösung für jedes Problem und gleichzeitig die Frage jedes neuen Problems. Der Sturm wütete noch bis in die späten Morgenstunden, während sie stumm zu keinem wirklichen Ergebnis kam. Man könnte es höchstens „Illusionen von verwirrenden Zwischenergebnissen“ nennen, doch eigentlich hatten sie noch nicht einmal diesen Titel verdient.

Um halb zehn Uhr morgens legte sie sich flach auf den harten Boden in ihrem Zimmer und starrte die Decke an. Es bildeten sich Schatten. Schatten von Texten. Die abgespeicherten Bilder der diagonal gelesenen Texte. Sie las sie. Nein, sie überflog sie. Sie filterte die für sie wichtigen und die sie reizenden Stellen heraus, um sie zu verstehen. In Wirklichkeit aber verzettelte sie sich dabei so sehr, dass in ihrem Kopf ein Gewirr aus philosophischen Fragestellungen, künstlerischen Motiven und sonstigen literarischen Ergüssen stattfand. Sie jedoch sah das alles in der Gesamtbetrachtung wie ein riesiges Mosaik, das aus den verschiedenen Bruchstücken (von ihr) zusammengesetzt werden musste, um den Sinn des Lebens, ja den Sinn der Welt nachvollziehen zu können. Objektiv betrachtet, herrschte in ihrem Kopf ein einziges Chaos – nicht für sie: Sie stapelte (oberflächlich gesehen) ähnliche Inhalte und sortierte sie. Sortierte, sortierte. Sie war ein wahres Organisationstalent. Sehr talentiert war sie im Übrigen auch in dem Verfassen von eigenen Texten. Sie hörte sich selbst ihre imaginären Texte lesen, niederkritzeln. Sie hörte nicht auf. Auch, als die Kirchturmglocke zwölf Uhr Mittag schlug, nicht. Im Gegenteil. Sie sah dies als ein Zeichen des aktiv werden Müssens an. So sprang sie auf und holte sich Stift und Papier. So nackt wie sie war, nur mit ihrem ornamentalen Tuch bekleidet, schrieb sie willkürlich ihre Gedanken quer und gerade auf das Blatt. Das ergab ja so viel Sinn! Eine Feststellung nach der anderen erschien auf der weißen, leeren Fläche. Es folgten Fragen. Darauf Antworten. Immer so weiter, bis das Blatt voll war. Doch dies störte sie nicht im geringsten. Sie schrieb schlichtweg auf Tisch und später auf dem Boden weiter. Die Wände waren auch noch recht kahl – ihnen blühte das gleiche Schicksal. Alles entwickelte sich weiter; ihre Ideen, ihre Erkenntnisse. Sie wusste nicht mehr, wer sie war.

Ich denke, also bin ich, dachte sie, um sich selbst wieder zu fangen. Doch dies war nur ein kurzer selbstreflektierender Moment in der Fülle ihres philosophischen Rumgeplansches.
Sie war äußerst intelligent, aber nicht schlau genug, um (genug) über sich selbst nachzudenken. Sie dachte über alle möglichen Existenzen nach, nur nicht über sich selbst. Sie war außen vor. Sie war bloß das Medium der Erkenntnisgewinnung. Ihr Kopf dachte, ihre Hand schrieb und ihre Seele war etwas, dem sie schon lange keine Beachtung mehr schenkte. Sie selbst tangierte sich selbst nur peripher. Sie spürte sich selbst nur bei der Befriedigung bestimmter Grundbedürfnsse und allein diese vernachlässigte sie enorm. Sie fand keine Ruhe und keine Zeit für sich selbst, denn das Forschen nach Erkenntnissen war ihr weitaus wichtiger.

Irgendwann, als sie keinen Platz mehr in ihrem Zimmer für Notizen fand, beschlich sie das starke Bedürfnis, der eiserne Drang, all das wieder zu zerstören und hinaus in die Welt zu treten, um…

… Um die Wahrheit zu suchen.

Es waren die Scherben der Welt, die sie so sehr reizten. Ein regelrechter Zwang für sie bestand darin, alles Gesagte, Geschriebene, Verbildlichte und andersartig Gedachte zu durchdringen, zu einem Ganzen zusammmen zu fügen und in seinen ursprünglichen Zustand zurück zu versetzen. Sie empfand dabei einen Antrieb, der nicht mehr der Norm entsprach. Dies widersetzte sich jeglichen Maßstäben, denn sie war besessen. Absolut.

Das helle Licht brannte in ihren trübklaren Augen, sodass sie sie zusammen kneifen musste und somit nur noch einen schmalen Schlitz ihrer Umgebung wahrnahm. Die Vögel zwitscherten und verursachten eine Störung ihres Gedankenflusses. Sie band sie nämlich mit ein und das lenkte sie vom Eigentlichen ab. Sie dachte: „die Vögel sind so frei in ihrer Mobilität wie der Mensch frei in seinem Denken ist. Aber schnell verworf sie die letzte Feststellung wieder, denn, was sie sicher wusste, war, dass der Mensch alles andere als frei ist. Regelrecht unfrei, gar gefangen in seinen eigenen Emotionen und unbewussten Regungen. „Doch genug der Theorie“, dachte sie. Sie ging schneller, rannte fast, sprintete. Sie hatte kein Ziel, außer ihr geistiges. Und das verfolgte sie nicht mehr mit konventionellen Mitteln. Sie stellte sich vor, schneller denken zu können und so zu einem Ergebnis zu kommen, wenn ihr Körper sich schnell bewegte. Übrigens hatte sie immer noch nicht mehr an, als ihr Tuch. Mit nackten Füßen flog sie über den Asphalt, über Wald und Wiese. Vor ihr lag ein großer See. Sie steuerte darauf zu, zog an und – explodierte.

Das eiskalte Herbstwasser sog ihr den Verstand aus den Gliedern, sodass sie nicht mehr dachte, sondern sich auf einmal von ihrem angesammelten Dreck entledigte. Sie reinigte ihren Kopf – ohne Seife.
Ihre Lippen wurden blau wie die einer Eiskönigin. Sie bebte. Und erlebte einen kleinen Tod.

Danach fühlte sie sich leichter und doch miserabel zugleich. Sie stieg aus dem Wasser und drückte ihr Mitternachtstuch aus. Es war vollgesogen mit Wasser und Schmutz. Langsam trottete sie wieder nach Hause. Beinahe fand sie es nicht. Zuhause angekommen jedoch sah sie das Chaos in ihrem Zimmer und hatte plötzlich wieder einen ebeneren Sinn für Ordnung. Aber sie fühlte sich wieder schwer, doch diesmal war es anders. Es war eine angenehme Schwere, die von Erschöpfung, nicht Anspannung herrührte. Ihr Körper sprach wieder mit ihr – oder besser gesagt, sie konnte ihn wieder sprechen hören. Sie war nicht mehr taub für die Signale ihrer äußeren Hülle. Deshalb ließ sie alles stehen und liegen und stieg in ihr Bett.

Um Mitternacht stand sie wieder auf und betrachtete sich im Spiegel. Was sie sah, war nicht eindeutig. Sie verzog keine Miene, aber ihr Gesicht war nicht neutral. Sie spürte, dass sie etwas ändern musste. Sie holte kurzerhand einen dünnen Pinsel und schwarze Farbe. Sie war geschickt und klug. Denn sie zeichnete Worte spiegelverkehrt in ihr Gesicht, damit man sie als außenstehender Betrachter lesen konnte.

Es bildeten sich Sätze, wie:
„Nachts gurgeln im Sumpf der Wahrheit.
Erkenntnis durch kriegsverführerischen Einsatz des Verstandes.
Immerzu der Straße des Nichts entlang und wieder zurück.
Die Rückkehr der Wiedergeburt ohne Grenzen.“

Als Gesicht und Dekolleté keinen Platz mehr boten, tastete sie weiter nach unten und beschrieb jede freie Stelle. Keine Falte wurde verschont.

Nun war ihr kompletter Körper bekritzelt mit weiteren Aussagen, wie:
„Endlich essen im Raum der Zeit.
Lebendig fühlen die Richtung der Wissenden.
Stein und Stock wieder eins und doch geteilt.
Scherben fließen den Strom hinab.
Die Höhe der Gleichgesinnten nimmt keinen Schaden an der Existenz der Zerflossenen. Rücklings reitende Gelehrte im See der Klarheit.
Lächerlich schwache Geister im Alter der Jugend.
Lachend schweifen dumme Weise ab.“
Die letzte Äußerung lautete:
„Und das Mondlicht scheint so schön.“

Nachdem sie ihren letzten Satz niedergepinselt hatte, sah sie wieder in den Spiegel. Sie fühlte sich bestätigt durch sich selbst. Sie war zufrieden. Daraufhin besann sie sich auf ihr unordentliches Zimmer, das sie nun aufzuräumen begann.
Mittlerweile schien die Morgensonne schwach ins Zimmer. Die Farbe auf ihrer Haut verflüchtigte sich so langsam, also beschloss sie kurzerhand, duschen zu gehen. Eiskaltes Wasser floss in Strömen die knochigen Schultern hinab und säuberte ihre Hülle oberflächlich. Sie entfernte die Farbe ohne Seife.

Wiederum nackt schlich sie durch ihr Zimmer und suchte nach ihrem ornamental gemusterten Tuch. Es war noch feucht. Also nahm sie es und rieb damit die beschriebenen Stellen an Wand und Boden ab. Nachdem dies fertig war, wusch sie ihr sonderbares Tuch aus. Natürlich, ohne Seife.

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Foto: Martina Grabinsky https://martinawollfotografie.blogspot.com/

 

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PROSA.

Eine Pflanze im Garten

Der gute Boden mit allerhand Nährstoffen, ohne chemischen Dünger oder sonstigen Zusatzsubstanzen war am Anfang eine solide Basis. Die Erde unter der Oberfläche, die einmal eine kräftige Wurzel halten sollte, sah nicht den Horizont. Sie spürte nicht die Windstöße und sah nicht die Dunkelheit, die eine andere war, als die, die sie selbst umgab. Jedoch bestand eine gewisse Grundkenntnis im Inneren des Kerns, die besagte, dass auch dunkle Stunden durchaus Knospen heranzüchten.

Irgendwann nach einigen Jahreszeitenwechseln und Wetter- sowie Klimaumschwüngen gab es einen Grund zur Freude. In die besagte Erde wurde ein Samen gesetzt durch vier verschiedene Hände, die von nun an die schwangere Mutter Erde umsorgten und neugierig beobachteten.
Die Zahnräder in den mikroskopisch kleinen Zellen drehten sich und wandten jene Art von Geburtshilfe an, die eine baldige Entstehung von zarten Wurzeln in die Wege leiteten. Ebenso schnell wurden die ersten Stängel sichtbar, die aus der Erde sprossen – zur Zufriedenheit der beiden Menschen, welche die Pflanze nun als wachsendes Symbol für ihre Liebe betrachteten. Etwas Zeit verging. Der einst dünne Stamm wurde breiter, die Äste stabiler und hin und wieder entfalteten sich kleinere Zweige und Blätter. Das Paar wartete gespannt auf die erste Blüte. Wie zwei Besucher im Zoo saßen die beiden vor der Pflanze und starrten voller Erwartung auf die grüne Gefährtin. Mit Augen wie Lupen, jeden Ast absuchend, wo denn nur eine Knospe am Entstehen sein könnte, verloren sich die beiden in ihrer eigenen Metapher.
Dies ging ein paar Wochen, Monate so. In dieser Zeit lernte die Pflanze die beiden Menschen immer besser kennen und entwickelte vermutlich durch Zufall eine Art Abneigung gegen jene. Dann geschah es, dass sie wie durch einen analogen Zaubertrick ihren Gedanken in den Verstand des Mannes verpflanzte. Das irrationale Gefühl, das damit einher ging, wurde im nächsten Schritt als Keim an das Herz der Frau gelegt. Somit feierte die Pflanze ihre erste bewusste Handlung und ihren damit verbundenen Einfluss auf die beiden gänzlich andersartigen Geschöpfe, genannt Menschen.
Der nächste Morgen kam und der Mann erwachte mit eigenartigen Ideen, die seinen Kopf durchkreuzten. Sie marschierten quer über all seine ordentlich zurechtgelegten Pläne. Überall hinterließ dieser neue Gedanke seine Spuren. Es waren schmutzige Hinterlassenschaften. Seine Partnerin erkannte ein Stirnrunzeln und leichte unsichere Zornesfalten im Gesicht ihres bis dahin liebsten Freundes. Diese Reaktion wiederum ließ in ihr eine sonderbare und neue Empfindung ihm gegenüber aufleben, das Misstrauen.

Beide hielten sich für besonders intelligente Wesen und ahnten nicht, dass die aufkommenden Probleme zwischen ihnen, nicht nur auf die jeweils andere Person und – je nach Schuldeingestehen – auch auf sie selbst zurückzuführen war, sondern auch auf eine unscheinbare dritte Partei.
So kam es also dazu, dass die beiden, unwissentlich, einer unbekannten Macht zu unterliegen, Blüten des Hasses und Nadeln der Verletzung produzierten. Diese wiederum entwickelten auf natürliche Weise ihr Eigenleben und gaben der einst so harmonischen Beziehung den Rest an Zerstörung.

Monate vergingen, die die Trennungsphase brauchte, um aus letztlich Einem wieder Zwei zu machen. Gegen Ende entschied sich die Frau für die wenigen Ableger, die die Pflanze im Garten des nun geschiedenen Ehepaares doch tatsächlich hervorgebracht hatte. Sie nahm sie mit in ihr neues Zuhause, während der Mann in dem von emotionaler Verwüstung zeugenden Haus wohnen blieb und mit Wut der damals gemeinsam gepflegten Pflanze entgegenblickte. In einem Moment geballten Zornes überkam es ihn, sodass er den Stamm packte und im Begriff war, dessen Wurzeln aus der Erde herauszureißen. In diesem Augenblick richtete sich seine Aufmerksamkeit, wie von einem Magneten angezogen, auf eine versteckte Blütenknospe. Gedankenverstört ließ er seine Hand von der Pflanze zurückzucken und beschloss, sich ein herzhaftes und fleischiges Abendessen vom Metzger zu bestellen, um sein Aufatmen in dem nun fast leeren Haus zu feiern, da nun seine Ex-Frau ausgezogen war. Die Mahlzeit brachte ihn auf andere Gedanken. Fleischeslust machte sich in ihm breit. Mit zwei Einfällen ging er zu Bett. Diese beinhalteten den Wunsch nach Stillung seines Durstes nach körperlichem Begehren zum einen. Als zweites schwor er sich, seiner Ex-Frau nie wieder in die Augen sehen zu müssen.
Ebendiese Frau wachte an genau diesem Morgen auf, mit dem Nachwirken eines merkwürdigen Traumes der vergangenen Nacht. Bilder von sich selbst schälenden Bananen tauchten in ihrem Gedächtnis auf und vermischten sich mit einer halb bewussten Stimme, die immer wieder die Worte „erotische Natur“ wiederholte. Im Geiste zählte sie ihre Pläne für den Tag auf und bemerkte dabei, dass jeder einzelne Ableger der ursprünglich so metaphorischen Pflanze eine Blüte entwickelt hatte. Diese Tatsache verursachte eine kurze Verwunderung bei ihr, bevor sie sich jedoch wieder ihrem Alltag zuwandte.
Auch sie entschied sich allmählich für eine neue Datingphase. Ohne davon auch nur im Geringsten Kenntnis zu nehmen, bildete sie auf jedem ihrer selbst ausgelösten Fotos von sich, die sie für das ein oder andere Online-Partnerportal brauchte, einen Teil der Pflanze ab. Die Ableger standen auf ihrem Zwei-Quadratmeter-Balkon, in, im Grunde viel zu engen, Blumentöpfen, doch an Sonne und Wasser fehlte es ihnen niemals.

Viele weitere Jahre verstrichen. Die Zeit wurde nicht langsamer. Die Höhen und Tiefen der voneinander getrennten ehemaligen Liebendenen wechselten wie die Jahreszeiten rhythmisch und änderten ihre Färbung wie die Blätter an den Bäumen.

Irgendwann war es äußerst trockener Spätsommer. Die Hitze am Tag, die jegliche Frische in abseitige, tote Winkel verdrängt hatte, sorgte für Hormonschwankungen bei den sich gegenseitig in Vergessenheit gezwungenen Menschen. Nicht nur die Wolken stauten ihre Feuchtigkeit auf.
Durch einen Zufall kreuzten sich die Wege des Mannes, der in der Zwischenzeit ein chaotisches Leben gelebt hatte und der Frau, die ebenfalls eine Zeit geprägt von Suche und Orientierung verbracht hatte.
Die Begegnung war nicht vorhersehbar, geschweigedenn herbeigesehnt.
Die Rolle, die das Wetter dabei spielte, hätte jeden Zuschauer verblüffen können. Die Wolkendecke brach zusammen und ein gewaltiger Regen ergoss sich den Himmel hinab.
Zu jener Zeit war der besagte Herr ohne Regenschirm unterwegs, im Gegensatz zu ihr. Auf der Flucht vor dem Unwetter erkannte er ihren schwarzen Zigeunerrock, ohne ihr Gesicht zu sehen, das vom Regenschirm verdeckt war.
Gefühle von Geborgenheit empfand er in diesem Moment. Und wieder zogen sie sich wie Magnete an, sodass sie wie durch einen Zufall den Impuls verspürte, ihre Perspektive zu ändern und geradewegs den Fall des Regens in ihr Gesicht zu fühlen. Dieses Innehalten verschaffte dem Mann etwas Zeit, ihr näher zu kommen und sie anzusprechen. Einen gewissen vertrauten Umgang empfanden beide beim oberflächlichen Austausch über die aktuelle Situation des jeweils anderen, während ihr Schirm sie vor den einprasselnden Regentropfen schützte. Sie willigte in seine Bitte ein, ihn nach Hause zu begleiten, da das Wetter nicht nachließ und sich der starke Regen in ein heftiges Gewitter verwandelte.

Das Haus ihrer Vergangenheit betrat sie mit gemischten Gefühlen, die sich aber bald zu unsicherer Freude einkehrten. Daran waren die jüngsten und einer gewissen Rebellion durchaus nicht abgeneigten Zweige der stets achtsamen Pflanze beteiligt, die immer noch am selben Platz verweilte. Eine Kanne mit heißem Tee wärmte die vier verschiedenen Hände. Ein Lächeln erwärmte sein Herz. Eine Geste ihre Schulter. Ein Blitz schlug ein und es wurde Abend, dann Nacht, dann Morgen.

04.Ehrenpreis

PROSA.

Das Lied

Klare Fische wandern im Tal von Baum zu Baum und klatschen im Takt der morgendlichen Helltages-Hymne. Keine Wolke am Himmel zu sehen, aber fischige Augen, die aus ihren Höhlen krabbeln ohne sieben Gedanken. Nichtsdestotrotz weben die Bienen weiter ihre frischen Netze aus Papyrus-Garn und schwatzen dabei recht laut. Doch die Fische haben riesig Lust, ein flüchtiges Lied, das einem aus den Ohren fällt, zu trällern und werden gar verrückt dabei, denn das ist das Lied der Wahnsinnigen. Es geht etwa so:

„Habt ihr nicht gehört?
Habt ihr den Wettbewerb gewonnen?
Der Dritte war weiß im Gesicht,
Ganz bleich,
Als hätte er einen Mund,
Aus dem Worte kommen.
Überzeugt und weiß.
Diebe sind im Norden häufig,
So häufig, so häufig.
So häufig, so häufig.

Komm‘ und geh‘ mit,
In die falsche Höhle,
Aus der prächtige Primeln sterbend herausschreien.

Krähen und Kröten vernebeln die Sicht,
Die Sicht, die Sicht,
Auf die Wahrheit des Waldes und des Wals
Des Wals, des Wals, des Wals.
Was beherbergt er, welches Geheimnis?
GEHEIMNIS!

Schämt euch nicht, zu schweigen.
Es ist ein Grauen zu schnorcheln,
Im Wasser voller Zweige,
Denn was zählt,
Ist der gute, fischlose Anstand
Mit Untertönen,
Die von Gerücht zu Gerücht
Verschleimt werden, samt gutem Gewissen
Samt gutem Gewissen, gutem Gewissen,
Samt gutem Gewissen, gutem Gewissen.

Komm‘ und geh‘ mit, In die falsche Höhle,
Aus der prächtige Primeln sterbend herausschreien.
Krähen und Kröten vernebeln die Sicht
Die Sicht, die Sicht,
Auf die Wahrheit des Waldes und des Wals
Des Wals, des Wals, des Wals.
Was beherbergt er, welches Geheimnis?
GEHEIMNIS!

Es ist Freude dabei,
Wenn Eier sterben
Und Vögel zerbrechen,
Denn den Wettbewerb kann niemand gewinnen.

Kennt ihr das Rätsel?
Habt ihr die Lösung?

Hahaha!“

Und sie lachten und lachten bis der Abend kam und sie schließlich alle gar in die Psychiatrie geschickt wurden, auch die Bienen, denn sie wurden als Zeugen eines Verbrechens in der Gegend mitgenommen. Es handelte sich um den Raub des Verstandes der fischigen Fische. Sie bestanden nur noch aus Schuppen und Kräten. Hatten weder Erinnerungsvermögen noch sonstige mentale Aktivitäten. Sie waren kaputt. Doch wer konnte das sein, der sie ihres kostenlosen Verstandes beraubt hatte?
Sie fanden es nie heraus, da die Töne des Wahnsinnigen-Liedes die Bienen ebenfalls benommen gemacht hatten. Da die faulen Fische nun immer noch wie bekloppt sangen, wurden auch bald die Ärzte mit deren bizarren Wahnsinn angesteckt, sodass einer von ihnen ein Streichholz herbei holte und das Haus anzündete. Die kleine Hütte aus Stöckchen und berauschten Tierchen brannte und es gab niemals Zeugen.

Der kleine Junge glubschte weg mit dem Verstand eines Fisches.

05-#3

PROSA.

Der gespaltene Garten

Ein Blick zum dunklen Sternenhimmel und wieder zurück in die dunklen Augen, die ihren Blick streifen lassen über den Garten, deren Besitzerin mich führt in der warmen Sommernacht. Über dem Boden erstreckt sich weiches, saftig grünes Moos, obwohl der Wald nur die Lichtung umgibt. Wald

Sie gibt mir zu verstehen, dass ich die Augen schließen und mich weiterhin leiten lassen soll. Ich spüre die wachsamen, nachtaktiven Tiere um mich herum und gleichzeitig bemerke ich die Friedlichkeit der Atmosphäre. Es liegt eine innere Ruhe in der Luft. Ich bin schon wie in Trance, als ein Urzeitflugsaurier die Luft und zugleich die Stimmung zerschneidet und wie wild Achten am etwas vom Mond erhellten Himmel fliegt und kreischt. Ich öffne erschrocken die Augen. Er scheint die Situation komplett zerstört zu haben, den Frieden und die Ruhe. RehDoch dann erklärt die sanfte Stimme neben mir, die einen wahrhaften Kontrast zu dem Schreien des Urvogels schafft, dass sowohl Wildheit und Ordnung in einer Symbiose miteinander hier leben. Sich manchmal zwar gegenseitig ein wenig zurückdrängen, aber immer einen Weg finden, wie beide Platz in diesem wundersamen Garten finden. Der einerseits voller Geheimnisse steckt und der auf der anderen Seite auch sowohl offensichtliche Schwachstellen besitzt als auch vordergründig blüht wie eine Frühlingspflanze, nur dass sie keine ist. BlüteDie Fremde fügt außerdem noch hinzu und geht damit ins Detail, dass die Pflanzen hier eine Mischart zwischen Immergrün- und Nachtschattengewächsen seien. „Die Zypressen sind beständig und stark, aber sie sind normalerweise auch etwas monoton. Die nachtschattige Lebensader der Pflanzen jedoch sorgt für die richtigen Impulse. Sie lassen sie dunkel und mysteriös wirken“, sagt sie. HandWir gehen weiter und kommen an einem Gewässer an. Es ist trüb – das erkenne ich sogar bei Nacht. Und kreisrund. Die junge Frau erzählt von der unheimlichen Tiefe des Wassers und von dem magischen Wechsel zwischen Trübe und Klarheit. Es seien die Launen des Waldgeistes, sagt sie. Die Märchen von all den Wesen, die dort im Weiher hausen, habe ich schon fast alle wieder vergessen. Aber an eines erinnere ich mich noch deutlich: Ein Fisch schwamm einmal in seinem Zuhause, dem Bach, in der Nähe des besagten Gartens. Dann sah er den Waldgeist umherstreifen und seine Riten vollziehen. Er sah, die Schönheit, aber auch die Traurigkeit, die an ihm klebte. Er war fasziniert von ihm, sodass er zu ihm wollte. Doch konnte er nicht an Land und mit der alten Seele zu reden war ihm ebenfalls vergönnt, da diese immer nur schemenhaft auftauchte und niemals ein Wort sprach. Der Fisch gab jedoch nicht auf und lernte zu hüpfen. Es sah recht lustig aus, doch niemand lachte. Nur der Waldgeist. Halb aus Scham, halb aus Witz hallte sein Gelächter im düsteren Wald. Alle Wesen lauschten und waren erquickt am Klang dieses Lachens, sodass es kein Streit mehr gab und selbst die Urzeitvögel ihren Schnabel hielten. Die Pflanzen richteten sich auf und schauten neugierig. Sie zeigten in Richtung Waldgeist. Nun, da der Fisch den Sprung zwischen Bach und Weiher geschafft hatte, näherte sich auch langsam die Seele und sprach ein paar holprige Worte mit ihm. Dies rührte das Herz des Fischleins so sehr, dass es beschloss in dem Teich zu ruhen und dort zu leben. Eine Weile auszuharren, um nur selten wegzuspringen, um Nahrung zu finden. Denn der Fisch lebte von Lebendigem. Alle anderen Wesen des Gartens, bis auf die Besucher, sind eigentlich scheintot. Sie leben quasi von Luft und Liebe. Oder auch nicht. Und nun führt sie mich in die schwärzeste Ecke des Gebiets. Ich fühle Matsch und ekelhaft riechende Substanzen unterhalb von mir. Und schlagartig wird mir klar, wir stehen auf einem schmutzigen Berg voller Leichen. Angwidert verdrehe ich den Kopf. Doch sie versucht mich zu beruhigen. Es sei nicht gefährlich hier – am wenigsten für mich, meint sie. Mein blindes Vertrauen führt mich an einen Abgrund, in dem schwach noch mehr tote Lebewesen auszumachen sind. Sie zeigt mir ihre Ängste und ihre Vergangenheit, die unmittelbar miteinander verbunden sind. Ich will eigentlich nicht länger in die Schwärze schauen, doch sie signalisiert mir, dass sich hinter Hässlichkeit, Zerfall und Gewalt auch andere Dinge, wie zum Beispiel Verletzlichkeit, Leichtsinn und Unschuld verbergen können. Ich nicke verstehend und wir gehen zurück. Mir ist ganz kalt geworden, also geleitet sie mich in eine Stube, die provisorisch aus Holzlatten zusammen gebaut ist. Dort brennen vereinzelt kleine Kerzen, die einen unheimlich wärmen. Es ist unglaublich, aber tatsächlich fühle ich mich innerhalb von Sekunden wieder wohl mit der Temperatur. Ich sehe im Kerzenschein einen Skorpion, der aus arroganten Augen schaut und dessen Giftschwanz ruhend und doch zum Angriff bereit abgelegt ist. Nach einigen weiteren Wortwechseln zwischen mir und der Unbekannten verzieht er sich in ein Loch und pfeift vor sich hin. Ich spüre allmählich die Anwesenheit eines zweiten Waldgeistes. Er ist nicht zu sehen. Aber dennoch hier. Er versteckt sich in der Ecke. Er muss dort stehen und still sein, sein telepathisches Sprechorgan ist symbolisch mit Kreppband zugeklebt, sodass er sich erst mit Kraft befreien müsste, um seinen ohnehin unerwünschten und unnötigen Senf dazu geben zu können. Aber er ist Teil der Hütte, erklärt die nun nicht mehr gänzlich Fremde. So wie alles hier. „Und du kannst auch deinen Platz finden. Wenn du möchtest. Du kannst gehen und kommen, wann du willst. Nur merke dir eins: Du wirst Spuren hinterlassen, die andere Gäste wiederum dazu bewegen, diese Spuren entweder zu verwischen oder zu einer heiligen Gedenkstätte zu machen. Sei dir bewusst, dass alles, was du hier tust oder lässt, mehr oder weniger tiefe Furchen nach sich ziehen wird. Zudem zerfällt hier nichts. Lässt du etwas hier zurück – und sei es nur ein Wort, ob freundlich oder garstig, es bleibt und verweilt, bis unsere Zwillingsgeister einen anderen Ort auserlesen zum spuken.“ SchereMit diesen Worten verstummt sie und andere Gäste kommen zum Vorschein, die gemütlich im Kämmerlein sitzen. Darunter befindet sich ein hässlich kuscheliger Bär, mehrere nette und liebenswürdige Krebse und sogar ein paar sehr schöne und lustige Fische im Aquarium. Die Eichhörnchen draußen knabbern regelrecht laut an ihren Nüssen und erinnern mich ans Gehen. Eigentlich fühle ich mich am richtigen Ort hier, doch es ist Zeit. Ich verlasse den Garten durch eine heftig klemmende, weder geölte noch sonstwie gepflegte Tür, verabschiede mich voller Neugier von der neuen Bekanntschaft und bin wieder in der Wirklichkeit. Ich sehe die rote Linie, die mich nach Hause führt. Es geht kinderleicht und ich bin angekommen – in meinem immerblühenden und Funken sprühenden Seelengarten.

Tor

PROSA.

Rezeptfrei

Das Rezept. Da liegt es. Es liegt neben meiner Hand. Ich ergreife es. Das Papier, billiges Papier. Ich möchte daran riechen. „Klinisch rein“ nennt man das doch. Frei von Ängsten bin auch ich nicht.
Doch, was tust du hier, innere Stimme?
Ich bin still – jetzt musst du handeln.
Aber nein, wohin gehst du, verstumme nicht, ich will deinen Schrei hören, deinen Hilfeschrei! Ich will, dass du um Vergebung bettelst und flennst wie ein Kind. Ich zwinge dich auf die Knie! Sei gequält, du Ding!
Rezeptfrei aus der Apotheke heißt wirksam und gut verträglich.“
Wie bitte, ich glaube ich träume. Was soll das für ein blöder Scherz sein. Dieser Automat. Er starrt mich an. Dieser Automat. Er will, dass ich mein Rezept in ihm versenke. Dieser Automat. Der steht da bedrohlich in der Ecke. Und trotzdem. Er verlangt von mir Unmögliches. Ein Automat.
…Für rezeptfreie Medikamente.
…Der eine Öffnung für Rezepte besitzt.
Und jetzt? Ich weiß nicht weiter, ich bin schnappatmungsintensivüberfordert. Dabei will ich doch nur eins. Ein glückliches Medikament, das nicht chemiebehandelt ist.
Mach jetzt!
Du, schon, wieder. Ich habe gesagt, du sollst vor mir knien. Und jetzt schleichst du dich von hinten aus dem Hinterhalt an und pisst mich von der Seite an. Ich weiß genau, was zu tun ist. Ich muss des Automaten Maul zukleben, bevor es noch mehr Schaden in meiner Psyche anrichtet. Ich will doch nur ein Rezept einlösen. Warum sagt der Automat dann zur Hölle immer die gleiche Floskel. Rezeptfrei. Rezeptfrei. REZEPTFREI! Ich habe aber ein verdammtes Rezept. Ein gottverdammtes Rezept! Außerdem sind Medikamente nie gut verträglich und bedauerlicherweise meist nur semiwirksam.
Ich will das nicht. Ich will das nicht! Lasst mich in Ruhe! Nein!

Und der Krankenwagen fuhr zum wiederholten Male in Richtung Wiesloch West.


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Foto: Sermon Fortapelsson (http://www.sermonfortapelsson.de/WP/)

 

PROSA.

Lexikon des Leides: Armut

Arm an Gefühlen, lacht er versehentlich und weint aus gedrungenem Mitleid gegenüber sich selbst. Doch einst, als zwischen ihm und seinen Empfindungen noch keine Mauer gezogen wurde, die nun ab und an überwunden wird, wenn das Wasser zu hoch steigt, lagen Trauer und sein Bewusstsein eng umschlungen in einer innigen Umarmung auf dem harten Boden, dessen Hände die Bluttränen auffingen. Oder aber, als es ihm die Freude ermöglichte, abzuheben und die Welt von oben zu sehen. Doch jetzt. Es ist so wenig in ihm. Und so wenig um ihn, das ihn bewegen könnte. Wie ein Stein bleibt er starr – im Gesicht, in seinen Gliedern. In seiner Seele. Jedes Zeichen von Lebendigkeit in seiner Mimik ist gewichen, stattdessen verweilt der abwartende Ausdruck auf seinen Zügen. Die Armut der Gemütsbewegungen hat ihn langsam aufgefressen, sodass nur noch ein knochiges Skelett zurück geblieben ist. Sie selbst ist ein recht wohl genährtes Absurdum. Sie lebt hinter der besagten Mauer und hält ihre Geißeln zurück. Es gibt keinen Weg, durch sie hindurch zu dringen. Keinen, außer, wenn jemand oder etwas es schafft, die allzu rasch wieder zuwachsende Mauer einzureißen, wodurch einige Geißeln ihre Freiheit wieder finden können. Oder, wenn jemand die Seele des Emotionslosen derart bespielt, dass Wellen schlagen im Land der Gefangenschaft. Somit gelingt es einigen Regungen zu entkommen – samt Tröpfchen, die auch noch hindurch fließen. Jedoch ist die Armut meist so stark, dass sie sogar das Leid selbst gefesselt hält und es damit nur noch überschwenglicher werden lässt. Das Hintergrundrauschen der entmachteten Gefühle verschlimmert das nüchterne Leiden des Besagten am Tag.

PROSA.

Der Tintenfisch

Ich füttere den Tintenfisch. Er spuckt aus ein Wort, dann zwei. Dann drei. Das Papier sagt: „Blubb, blubb, blubb.“ Nein, mehr hast du nicht drauf? Armselig. Ich quetsche ihn aus. Komm, was hast du jetzt zu sagen, du Stück Papier?! „Schwindel treibt den Kopf in die Tiefe, bis der Hals sich dreht und alle Organe vergessen, welch Aufgabe ihnen inne wohnt.“ Nun, damit kann ich nichts anfangen. Versuchen wir es noch ein letztes Mal. Ich gebe dem Tintenfisch ein Leckerli. Sag mir, was du sagen kannst, Papier! „Kraft ist da, wo sie zu Schwäche wird und Schwäche ist überall. Heute ist morgen.“ Na gut, es scheint kein günstiger Tag zu sein. Ich probiere es morgen noch einmal in Ruhe, diesen teuren Tintenfisch auszuquetschen – dann spuckt er vielleicht etwas Sinnvolles aus.

So, du Tintenfisch, ich hoffe, dir geht es heute besser. Hier, hast du dein Frühstück.

Und nun, sprich, Papier. Sprich mit mir! Es erscheinen zunächst nur Kleckse auf der weißen Fläche, doch dann beginnt das Papier zu reden: „In trüber Stimmung tanzt die blaue Ziege umher mit blauen Hörnern im Glanz der Nachtsonne mit purpurnem Himmel und Sternen.“ Ja, das ist nicht schlecht. Weiter so. „Die Gebärdensprache zeigt auf sie und sie beendet schlagartig die Bewegung. Stattdessen kommt sie auf dich zu, langsam und schwer atmend. Ergreift deine Hand, sagt „Tschüs“ und nimmt den Tanz wieder in wahnsinniger Dynamik auf. Sie steppt von einem Bein zum anderen, hebt die Arme in die Höhe, schwingt den Kopf und die Hüfte, als wären die Tiere keine Tiere. Sind sie auch nicht.“

Das ist ja vorzüglich. Friss, Tintenfisch! Friss noch mehr. Und er kotzt und kotzt, bis das Papier vollkommen beschmiert ist. „Der Hammer zerschlägt die gute Stimmung, schlägt die Ziege entzwei und lacht so schelmisch, dass der Morgen naht und alle vergessen, was geschehen ist. Am nächsten Tag beschließt der Pfarrer die blaue Ziege zu suchen, da sie nicht im Gottesdienst erschienen ist. Keine Spur von ihr, denn alles, was von ihr übrig ist, ist eine Halskette, von der niemand weiß, dass sie sie trug. Du schleichst dich an, zu der Stelle, wo der Hammer die Ziege getroffen hatte und nimmst das Amulett mit. Reißt es an dich, als wäre es dein. Siehst du, welchen Schatz sie bei sich hatte? Es ist das Freiheitselixier, das einen immun von Fesseln macht. Man ist immer frei. Aber nicht vom Tod, deshalb hat sie ihn im Hammer gefunden.“ So langsam nimmt diese Geschichte einen grotesken Verlauf. Vielleicht sollte ich dem Tintenfisch etwas anderes zu futtern geben. Hier, hast du eine Banane. Und das Blatt redete weiter: „Und in seinem Schlaf redete der Pfarrer nur noch von der Ziege, als wäre sie seine Geliebte gewesen. War es nicht so? Stöhnend wacht er auf und findet eine Pfütze auf seinem Bauch vor seiner Nasenspitze. Er liest sie insgeheim und ganz genau, denn es könnte ja eine versteckte Botschaft der Ziege sein. Er liest und liest, doch findet keine Antwort. Alles, was er versteht ist: Es fehlt Gelb. Das nützt ihm jedoch auch nichts. Jedenfalls sammelt er alles, was die Farbe Gelb trägt und bringt es nach Hause. Darunter befinden sich eine Menge Blütenblätter, ein Strohballen, Früchte und Stoffe. Er mixt alles zusammen und damit es auch gut riecht, gibt er einen Schuss Goldstern-Extrakt dazu. Er trinkt davon und ihm wird schlagartig übel. Nach langem Ringen mit dem Tod, gewinnt dieser jedoch und schwingt die Sense. Du schleichst dich rein, nimmst dem Pfarrer sein Heiligtum, dass bis dato noch seine Wand zierte – ein Kreuz-Anhänger, rennst davon und freust dich über deine neue Beute. Du hast es geschafft, du hast den zweiten Freiheitsanhänger gefunden und nun stirbst auch du. Und findest deine wahre Freiheit.“ Das war nun eine recht hübsche Geschichte, danke lieber Tintenfisch. Du hast deinen Soll getan. Und jetzt wandere in den Kochtopf. Demütig wandert der Tintenfisch in Richtung Kochtopf. „Auch ich finde nun meine wahre Freiheit“, blubbert es im Topf.

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