PROSA.

Der Hut

Elegant und doch bestimmt, sanft geneigt, aber recht dominant von sich weg zeigend, dringt der Schlüssel in das Schloss. Mit einem kräftigen Stoß öffnet er die Tür und füllt die leere und noch vom Spülen feuchte Schale. Das Ticken der Uhr wird immer schneller, ihm läuft die Zeit davon. Zielstrebig und doch wahnsinnig, packt er zu, rammt ihn ins Schlüsselloch, dreht und spuckt, während er sich umwendet, auf den Boden. Doch, was er vergaß, war sein Hut.

PROSA.

Option

Sie dachte, es ginge nicht ohne. Dann verschwand es, tauchte ab, war weg. Der Freiheit wurde ein Weg eröffnet. Für einen kurzen Moment erschien ein Portal, durch das sie hätte gehen können. Doch sie zögerte, blickte immer wieder zurück. Sie verstand nicht, was es bedeutete. Es war eine Chance, die sie sich nicht zu ergreifen traute.
Irgendwann war alles wieder beim Alten. Erst dann – in einem stillen Augenblick – sah sie ein, dass sie etwas verpasst hatte. Es war zu spät. Aus eigener Kraft fühlte sie sich dem beschwerlichen Weg hinaus nicht gewachsen. Das Portal war eine willkommene Gelegenheit, zu fliehen. Zu ent-fliehen. Diese Erkenntnis jedoch kam zum falschen Zeitpunkt. Würde sich jemals wieder eine derartige Möglichkeit ergeben?
Sie wusste es nicht und es interessierte sie auch nicht mehr, denn ihr Gedankensumpf sog sie ein. Weltenschwer versank sie darin und bemerkte nicht einmal den Unterschied.

PROSA.

Tänzerin

Die Wand war nicht das Problem.
In einem kurzen, bis zur unermesslich hohen Decke mit Wasser gefüllten Flur bewegte sich eine Akrobatin. Von eleganten bis fast schon kämpferisch starken Figuren posierte sie für das stumme Publikum. Das stetig zu verdrängende Wasser um sie herum gehorchte ihr widerstandslos.
Nach und nach erkannte man eine überspielte Anstrengung, die sich zunächst langsam und dann immer schneller steigerte.
Vielleicht wurden ihre Bewegungen hastig.
Vermutlich klopfte sie dann und wann wie in Zeitlupe gegen die schweigende Scheibe.
Möglicherweise öffnete sie ein paar Mal den Mund, als wollte sie atmen.
Wahrscheinlich schrie sie jemanden an. Oder bat um Hilfe.
Ich glaubte im Hintergrund jemanden gehört zu haben. Eine männliche Stimme. Lachend. Und versichernd, dass sie das schon durchhält. „Noch eine Weile.“

PROSA.

Sein Werkzeug

Schnell, scharf und schmutzig – so war sein Verstand.
Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Im Kreis des Grauens. Bishin zu völliger Orientierungslosigkeit wand er sich in seinen Windungen, die wie Wind in seinen Ohren verstaubten und dann zerfielen wie Marmelade, die zu flüssig war. Aber immerhin ging das Gehör nicht kaputt von den lauten Ideen, die er immer und immer wieder innerlich vor sich her sagte. Seltsamerweise knickte er ein, sobald er aufwachte und sich streckte. Niemals dachte er daran, zu leben. Er starb einfach. Natürlich machte ihm das Sterben nichts weiter aus – es gehörte zum Leben dazu. Aber manchmal beschlich ihn der Gedanke, dass er doch einmal versuchen sollte zu leben, ohne dabei immer zu sterben. Denn: Er war noch jung und wollte eigentlich so sein wie andere Menschwesen. Er war ein Tierwesen im menschlichen Körper mit Tierseele, aber menschlich-göttlichen Gedanken. Ab und zu vergaß er zu atmen. Wenn er jedoch die Augen schloss, hauchte ihm jemand (wahrscheinlich eine Ameise) den Atem wieder ein und er war plötzlich lebendig.
Lebendig!
So lebendig, dass er es sogar schaffte, den Müll herunter zu bringen. Gelegentlich hörte er die Stimme des Rumpelstilzchens, das im ständig seinen Namen verriet. Doch er wollte das gar nicht wissen. Es war verboten. Verboten war im Übrigen auch das öffentliche Nachdenken. Zumindest für ihn. Er durfte das nicht. Er durfte nicht dies und er durfte nicht das, denn hin und wieder rutschte er aus auf seinen gedanklichen Konstrukten, wie auf einer Bananenschale. Nur, um sie dann aufzuheben und zu verschlingen. Aber dann und wann nahm er sie auch nur und setze sie sich als Kopfbedeckung auf den Kopf. Wieso nicht?
Eines Morgens stieg er aus dem Bett und sah sein zerknicktes Spiegelbild. Es sah fürchterlich schön aus. Er sah ein Menschwesen mit Katzenaugen und Salamanderhaut. Außerdem hatte er Pferdehaare und einen langen Rüssel. Ausgesprochen gut gefiel ihm auch die Bärenkralle, mit der er eine rote Linie auf seinen Unterarm zeichnete. Dann leckte er daran und schmeckte roten, bitteren Sirup. Eigentlich brauchte er das alles gar nicht. Aber er wollte es. Genauso wollte er es, weil er nämlich insgeheim richtig schlau war. Doch schlimm war seine Angst vor dem einsamen Rechnen in den Synapsen seiner hinter Türen verschlossenen spinnennetzartigen Gehäusen. Dort war er zu Hause und sonst nirgends. Nur dort, in der hintersten Schublade seiner Gedanken.
Alle wussten Bescheid über ihn und in Wirklichkeit wussten sie nichts. Nur er wusste zum Beispiel, dass durch die Adern der Blätter auf den Bäumen derselbe seltsame rote Sirup fließt, wie durch die Adern in seinem anthropomorphen Kabinettschrank. Und er wusste, dass das Innere von Walnüssen aus derselben Substanz bestand, wie die graue Masse, die sich in seinem Eierschädel befand. Des Öfteren philosophierte er auch über den Zusammenhang zwischen Tornados und Haarwirbeln. Aber meistens, wenn ihm nichts Besseres einfiel, bewegte er die Bärenkralle in Richtung Norden, um sie dann wieder südlich auszurichten und umgekehrt. Immer so weiter. Des Weiteren verbrachte er seine Zeit damit, Zeichnungen von merkwürdigen Mischwesen anzufertigen, die angeblich seine Familie darstellen sollen.
Nachdem er seine Kinderkleidung angelegt hatte, stand er ziemlich gut und ging waagerecht auf den Kühlschrank zu, um einen Schokoladenkuchen mit flüssigem Kern zu vernaschen. Dies tat ihm richtig gut. Er fühlte sich leer und doch voll zugleich, denn das Gefühl des Ausgesaugtwerdens wich und an dessen Stelle trat ein wohliges Empfinden der Entspanntheit in Kraft. Zur selben Zeit machte sich eine bestimmte Erschöpfung, die ihm eigen war, breit. Immer, wenn er das Prinzip des Vernaschens wahrnahm. Manchmal vernaschte er auch Tiere. Er war im Übrigen Vegetarier.
Er putzte sich die scharfen Eckzähne mit Schmirgelpapier und blickte abermals in den Spiegel. Diesmal sah er ein Raubtier, das seine Zähne fletschte. Er war bereit.
Draußen war es kalt und schwühl zugleich. Zumindest empfand er das so. Was er noch fühlte, war ein Stechen im Magen, denn er war nüchtern und sollte sich schleunigst eine Flasche Rotwein kaufen, um nicht vom Fleisch zu fallen. Gelassen und doch innerlich unruhig ging er schnellen Schrittes auf den geschlossenen Supermarkt zu. Es war Sonntag.
Was er niemals zu Tage förderte, war eine Arbeit, die ihn erfüllte, geschweigedenn, von der er leben konnte. Ebenfalls brachte er es nicht fertig, überhaupt einmal etwas Sinnvolles zu tun. Sowieso tat er kaum etwas anderes, als in seinem Gehirn herum zu wühlen und Dinge heraus zu kramen, um sie dann an einen anderen Ort zu tun und dann wieder Dinge zu verbinden, die ganz und gar nicht zusammen passten – aber das war sein Stil. Man mochte es ihm übel nehmen – aber das war sein Stil. Und er hatte Stil.
Als er merkte, dass es aussichtslos war, in das verschlossene Geschäft einzubrechen, holte er eine Zigarre aus seiner intimsten Hosentasche hervor und blubberte so vor sich hin. Dies war sehr stilvoll. Zudem pflegte er stets eine Hand in der Jackentasche zu verstecken, während er in der Großstadt umher irrte. Das war auch sehr stilvoll.
Nachdem er also resigniert und ohne Alkohol in einer dunklen Gasse verschwand, besorgte er sich eine Frau, mit der er sprechen wollte. Er fragte nach dem Weg zu einem Brunnen, um jünger zu werden. Die Frau schien zu wissen, was er meinte und verwies ihn in Richtung Osten, denn dort bekam er Hilfe. Er freute sich und tauchte ab. Allerdings war alles, was er vorfand, ein großes Gebäude, das die Aufschrift „Hexenwerk“ trug. In seinen Augen war das kein Brunnen, sondern eine Anstalt, wo Hexen gezüchtigt werden. Er war eine Hexe, also wollte er dort schon einmal nicht hin. Wahrscheinlich hatte die arme Frau etwas verwechselt und er musste nach Westen. Dort angekommen, fragte er ein 10-jähriges Kind nach dem Weg zum magischen Brunnen. Das Kind winkte ihn zu sich und die beiden rannten zusammen zu dem des Kindes Elternhaus. Die Tür stand offen und es war niemand zu Hause. Bis auf das Aquarium. „Dies ist der Schlüssel zur Unsterblichkeit“, sagte das Kind. Er jedoch traute der Sache noch nicht vollkommen und holte zunächst einmal ein Sieb, um die Fische heraus zu sieben. Dies gelang ihm spielerisch leicht. Anschließend nahm er einen Strohhalm und sog daran. Er merkte, wie er plötzlich keine Luft mehr bekam. Aber das machte ihm nichts aus. Er ertrug es mit Wohlwollen. Auf einmal aber spuckte er einen kleinen Wels aus und nahm ihn mit nach Hause. Dort legte er ihn auf seine Fensterbank und beobachtete wie eine Eule geflogen kam und den Wels an sich nahm. Er dachte noch: „Die muss ihn ganz schön lieb haben, dass sie ihn mir wegnimmt“. Aber dann überlegte er, dass sie das mit Absicht tat, um ihn zu ärgern. Denn das eulentypische Geuhue verriet ihm, dass sie ihn nicht leiden konnte. Er beschloss kurzerhand das Vieh telepathisch zu kontaktieren, um es zur Rede zu stellen. Also rief er es an und sagte, dass es in Zukunft gefälligst seine Eier woanders ausbrüten könnte – nicht mehr am Fenster vor seiner Duschkabine. Vor allen Dingen würde er seine alte Steinschleuder hervorholen und immer auf das Vieh zielen, wenn das Vieh es auch nur wagen würde, auch nur einen Millimeter in seine Richtung zu fliegen. All dies sendete er dem Vieh mit einem telepathisch sanft anstößigen Tonfall zu, sodass es sich einfach fernhalten musste.
Es war Abend geworden und er ging ohne Wein, ohne richtiges Verjüngungswasser und mit einer Menge grober, vager und unheimlicher Gedanken zu Bett.
Sein erster Traum war recht durchschaubar, denn zuerst besann er sich während des Schlafes der armen Frau, die ihm Auskunft über den Brunnen gab. Sie sah aus wie eine Hexe, deren Nase so krumm wie ein eckiger Apfel war und die hinkte wie ein falscher Marathonläufer. Sie verzauberte ihn, sodass er als Wels mit roten Punkten in einer Flasche Rotwein herum rannte. Davon wachte er schweißgebadet auf und trank einen Schluck saure Milch. Danach ging es ihm gleich viel besser.
Der nächste Traum raubte ihm glatt den Verstand: Er befand sich an einem Brunnen, der nur so von Worten sprudelte. Zum Beispiel flossen da die Buchstabenzusammenhänge „Falschrumheit“, „Tiefenstauung“ oder auch „Unechtschaft“. Er rätselte im Traum, was auch immer das bedeuten möge, aber hielt sich nicht länger daran auf, sondern blickte in eine andere Richtung, wo er eine Eule fliegen sah, die zu ihm sprach. Sie sagte, dass der Wels gut geschmeckt hat und bedankte sich ironisch bei ihm. Dies ärgerte ihn so sehr, dass er ihr den kleinen Finger zeigte und sich gleich darauf wieder dem Brunnen der ewigen Jugend zuwendete. Er erreichte sein Spiegelbild und nötigte es dazu, ihm Antworten zu geben. Das Spiegelbild sagte nichts, als dass er in Richtung Osten gehen müsse. Dies machte ihn so wütend, dass er das Bild bespuckte und gleichzeitig einen Buchstaben in seinem linken Auge spürte. Es war ein „Z“. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass das das Ende bedeutete. Das Ende für ihn, das Ende der Welt und das Ende aller Existenzen. Er bekam Furcht vor der Wucht dieses Einfalls. Und er weinte in den Brunnen der Verjüngung. Plötzlich wuchsen ihm Bart, Nägel und er schrumpfte zusammen. Vor Erschöpfung fiel er zu Boden und war sozusagen tot.
Sein eigener stummer Todesschrei weckte ihn auf.
Er sagte sich selbst, dass es aufhören musste. Diese Alpträume, diese Visionen.
Am nächsten Morgen verirrte er sich auf einer Landstraße, nachdem er nackt und ohne Gepäck eine Wanderung aufgenommen hatte. Er suchte verzweifelt nach dem ersehnten Brunnen, fand stattdessen jedoch nur eine kleine Pfütze, aus der gerade ein graues Eichhörnchen trank. Die Zeichen sprachen für sich. Er stand am Abgrund. Das Eichhörnchen war ein Symbol des Untergangs. Die Farbe grau verriet, dass alles zusammen gemischt wird. Jedes Ding löst sich in seine Bestandteile auf und verbindet sich mit jedem anderen Ding. Dann gibt es nichts mehr als eine immense graue Masse, in dem alles und zugleich nichts enthalten ist. Das machte ihm große Angst. Er versuchte, dieser Angst zu entkommen, indem er selbst von der Pfütze trank – das musste ihm helfen!
Aber das Gegenteil war der Fall: Sein Magen beschloss sich zu wenden und er transportierte eine gelb-grüne, ekelhafte Flüssigkeit aus seinem Hals und fiel geradewegs hinein. Er hatte noch so viel Bewusstsein, dass er grelle, bläuliche Lichter auf sich zukommen sah und dann wurde es nur noch schwarz und er schlief ein.
Als er wach wurde, fand er sich in einem hellen, weißen Raum wieder, in dem Orchideen standen. Er betrachtete diese flüchtig und sah darin eine fleischfressende Pflanze, die ihn bedrohlich anstarrte. Sie wollte ihn auffressen – dessen war er sich sicher. Das Maul der Raubpflanze weitete sich ungemein. Die scharfen Zähne blitzten im lichtdurchfluteten Zimmer und dann konnte er nur noch Schwärze ausmachen. Der Schmerz hallte in seinem Gehirn und Sirup lief ihm den Hals hinunter. Dann versuchte er, seine Augen zu öffnen – doch was war mit ihm geschehen? Er hatte keine Augen mehr. Er versuchte zu schreien – doch was war mit ihm passiert? Er hatte keinen Mund mehr. Er versuchte, wegzurennen – doch es gelang ihm nicht. Er war wie gelähmt. Er spürte wie jede einzelne Pore seines Körpers zerlegt wurde und an einen anderen Ort gelang – an einen Ort außerhalb seines Körpers. Nicht mehr ganz war er, sondern zerstückelt. Er wurde aufgefressen. Eine einzelne Wimper teilte sich in exakt 796 Teile, glitt den feuerroten Rachen der Mörderpflanze hinunter und verschwand. Ward nie mehr gefunden. Seine Nase rannte ihr nach, doch es war hoffnungslos, denn diese rutschte auch den dicken Hals hinab. Seinen Ohren blühte dasselbe Schicksal, eins nach dem anderen. Zuerst hörte er laute klassische Folklore, dann Trompetengeschrei und zuletzt Applaus. Dieser galt ihm. Ihm allein. Es blubberten bunte Sternchen aus dem Maul des Gewächses, die eine Straße bildeten – die Milchstraße. Seine Finger wanderten dort entlang und hatten großen Spaß dabei. Die Blume schloss ihr Maul, während er so vor sich hin schmolz.
Er zerfloss förmlich.
Von einer Sekunde auf die andere bemerkte er ein spitzes Stechen in seinem Hinterteil. Mit einem Schlag wurden seine Augen wieder zurück in die Höhlen gepfeffert. Die Wimper setzte sich wieder zusammen und wurde an den Kranz gepappt. Seine Nase wurde nachlässig mitten ins Gesicht gesteckt und verlor Flüssigkeit, roten Sirup. Ebenso die Ohren. Diese wurden allerdings – tränentropfend – festgenäht. Aus allen Körperöffnungen floss in Wasserfällen liebesroter Sirup. Als sich diese Öffnungen wieder einigermaßen beruhigt hatten, öffnete er langsam die Augen. In der Ecke neben dem Bett war ein kleiner Spiegel über einem Waschbecken angebracht. Er stolperte dorthin, um sich seines Äußeren bewusst zu werden. Er erschrak ungeheuer, als er sein Spiegelbild erblickte. Er sah ein kreidebleiches Mann-Menschwesen mit einem Stück gemusterten Stoff um den Leib und Schläuchen, die aus den unmöglichsten Öffnungen herauskamen. Dieser Anblick schockierte ihn so sehr (besonders die Schläuche), dass er sein Werkzeug verlor. Er fiel zu Boden. Ein Totenkopfäffchen wendete sich ihm zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dies bekam er nur durch Umwege mit. Die Worte mussten zuerst ein Labyrinth durchlaufen, um zum Kern zu gelangen. Auf diesem Weg begegneten sie dem Zweifel. Er sagte, dass die einzige Möglichkeit aus dem Labyrinth zu kommen, der sichere Tod durch das Ersticken der Keime und das Herausziehen aller Schläuche sei. Die Worte ignorierten das und gingen weiter. Als nächstes trafen sie die Rationalität, welche zu ihnen sehr vorsichtig sprach und kund gab, dass man nur den Satz des Pythagoras anwenden müsse, um schließlich die Lösung, also den Ausgang des Labyrinths zu finden. Die Worte behielten dies im Hinterkopf, jedoch wussten sie insgeheim, dass es auch einen anderen Weg zum Werkzeug geben musste. Nach einer Weile lief ihnen die Melancholie über den Weg. Sie beklagte sich über einen Mangel an nährenden Schadstoffen und giftigen Tränensäcken. Auch sie ließen die Worte bald zurück in ihrem Leid, denn sie konnten nichts anderes dazu sagen, als das, was sie eben waren. Und diese Nachricht war für das Werkzeug bestimmt. Sie irrten noch ein wenig umher, bis sie schließlich auf den Pessimismus stießen. Dieser wusste sofort, was los war und riss die Buchstaben kurzerhand auseinander, sodass die Nachricht zerstört war.
Das Äffchen hoppelte davon, als wäre nichts gewesen.
Er bildete sich ein, sehr schwach, wie durch hundert Wände, eine Stimme zu hören, die „es ist ein Kind!“ schrie, bevor sein Werkzeug, ohne jegliche Verabschiedung, verschwand und niemals wiederkehrte.

Das Licht war schwarz
Das Licht wurd‘ weiß
Badete im Himmel.
Das Licht war schwarz
Das Licht wurd‘ weiß
Sendete die Freiheit.
Das Licht war schwarz
Das Licht wurd‘ weiß
Liebkoste den Vater.

PROSA.

Ohne Seife

Der Mond schien schwach ins Zimmer, während die Texte verstreut auf Tisch und Boden lagen. Ihre Gedanken waren schwer wie Blei, ihre Glieder ernst und tot. Augen fahl wie Seide. Und ein zermürbtes Gesicht, als hätte es Motten. Jeglicher Glanz verschwand, immer wenn der Blick aus dem Fenster den Regentropfen begegnete. Nichts bedeckte den dürren Körper, als ein Tuch um ihre Schultern, das violett und mitternachtsblau gemustert war. Die Worte klirrten dumpf in ihrem Kopf. Sie konnte sich nicht von ihnen trennen, denn sie nahmen keinen Abschied. Das war ein Fehler.

Der traurige Blick senkte sich hinab zum wertlosen Papier. Es hatte nur den Wert, den sie ihm zuschrieb. Doch in Wirklichkeit war alles egal. Die Schrift war egal, der Inhalt. Sie war egal. So bedeutungslos, aber sie lebte.
Die Wangen glühten vor Anspannung. Die Hände zitterten vor Ehrfurcht. Die Sinnlosigkeit der Sache versteckte sich vor ihr. Vielleicht war sie aber auch blind dafür. Wahrscheinlich hatte sie gar kein Bewusstsein für die Nichtigkeit und Notwendiglosigkeit der Dinge, die sie zu interessieren schienen. Schon fast lächerlich wichtig nahm sie die ganze Arbeit. Sie konnte nicht anders. Sie erlag dem Zwang der Sprache.
Heute war es nicht schön in der Welt der Literatur.

Die Sätze spielten mit ihrem Kopf. Sie verspotteten sie. Sie erniedrigten sie. Sie trieben sie bis an ihre Grenze. Hemmungslos tanzten sie um sie herum, wie eine Horde frecher Kinder. Dann wuschen sie ihr den Kopf, ohne Seife.

Mal laut dann leise, flüsterten sie ihr Dinge zu – nicht in die Ohren, denn sie waren nicht zu hören. Sie waren nur zu spüren. Sie gingen ihr durch die Haut. Bis in die innerste Pore ihrer Seele. Und dann verschwanden sie nicht, nein. Sie nisteten sich in ihr Gedächtnis ein, wie Parasiten und richteten dort großen Schaden an.

Sie verstand, dass sie wissen sollte, dass sie nichts weiß. Und sie wusste, dass Fantasie wichtiger ist als jegliches Wissen, denn dies sei begrenzt. Doch was war, wenn das Wissen um die Fantasie auch begrenzt wäre und sie daran hindern würde, ihre Fantasie auszuleben und grenzenlos werden zu lassen? Sie wusste, dass sie die Antwort auf diese Frage nicht kannte. Auch sie konnte aus einem Kreis kein Quadrat machen. Sie gab nicht auf. Sie befand sich keineswegs in einem Zustand des Stillstandes. Sie stand still. Und im Gegenteil: Sie dachte auch nicht nach. Sie überlegte nicht. Sie raste ohne Pause, ohne Verschnaufen, ohne Atmen. Tot. Tödlich schnell überschlug sie sich beinahe.

Sie schloss die Augen und sah: Einen Knoten. Einen Knoten aus Sätzen. Sie ergaben im Zusammenspiel keinen Sinn, sodass sie sich in die Quere kamen. Sie verschmolzen förmlich und lösten sich nie wieder. So entstand ein neuer Sinn und eine neue Bedeutung der einzelnen Worte.

Sie wollte nicht schlafen; sie wollte nicht essen. Sie wollte nur eines, den Zusammenhang und schlussendlich den Sinn der Sätze herausfinden. Ob ihr dies noch heute gelang, in dieser Nacht? Das war zu bezweifeln. Denn sie war nicht mehr da.

Sie war nicht sauber. Die Reste des Tages und der ganze Müll, den sie über Wochen, Monate, Jahre angesammelt hatte, flog wild in ihr herum. Es war bereits so weit gekommen, dass ein turbulenter Wirbelsturm alles aufwirbelte, was nicht angewurzelt war. Alles wurde in Frage gestellt und mit allem wiederum verknüpft. Querverbindungen waren die Lösung für jedes Problem und gleichzeitig die Frage jedes neuen Problems. Der Sturm wütete noch bis in die späten Morgenstunden, während sie stumm zu keinem wirklichen Ergebnis kam. Man könnte es höchstens „Illusionen von verwirrenden Zwischenergebnissen“ nennen, doch eigentlich hatten sie noch nicht einmal diesen Titel verdient.

Um halb zehn Uhr morgens legte sie sich flach auf den harten Boden in ihrem Zimmer und starrte die Decke an. Es bildeten sich Schatten. Schatten von Texten. Die abgespeicherten Bilder der diagonal gelesenen Texte. Sie las sie. Nein, sie überflog sie. Sie filterte die für sie wichtigen und die sie reizenden Stellen heraus, um sie zu verstehen. In Wirklichkeit aber verzettelte sie sich dabei so sehr, dass in ihrem Kopf ein Gewirr aus philosophischen Fragestellungen, künstlerischen Motiven und sonstigen literarischen Ergüssen stattfand. Sie jedoch sah das alles in der Gesamtbetrachtung wie ein riesiges Mosaik, das aus den verschiedenen Bruchstücken (von ihr) zusammengesetzt werden musste, um den Sinn des Lebens, ja den Sinn der Welt nachvollziehen zu können. Objektiv betrachtet, herrschte in ihrem Kopf ein einziges Chaos – nicht für sie: Sie stapelte (oberflächlich gesehen) ähnliche Inhalte und sortierte sie. Sortierte, sortierte. Sie war ein wahres Organisationstalent. Sehr talentiert war sie im Übrigen auch in dem Verfassen von eigenen Texten. Sie hörte sich selbst ihre imaginären Texte lesen, niederkritzeln. Sie hörte nicht auf. Auch, als die Kirchturmglocke zwölf Uhr Mittag schlug, nicht. Im Gegenteil. Sie sah dies als ein Zeichen des aktiv werden Müssens an. So sprang sie auf und holte sich Stift und Papier. So nackt wie sie war, nur mit ihrem ornamentalen Tuch bekleidet, schrieb sie willkürlich ihre Gedanken quer und gerade auf das Blatt. Das ergab ja so viel Sinn! Eine Feststellung nach der anderen erschien auf der weißen, leeren Fläche. Es folgten Fragen. Darauf Antworten. Immer so weiter, bis das Blatt voll war. Doch dies störte sie nicht im geringsten. Sie schrieb schlichtweg auf Tisch und später auf dem Boden weiter. Die Wände waren auch noch recht kahl – ihnen blühte das gleiche Schicksal. Alles entwickelte sich weiter; ihre Ideen, ihre Erkenntnisse. Sie wusste nicht mehr, wer sie war.

Ich denke, also bin ich, dachte sie, um sich selbst wieder zu fangen. Doch dies war nur ein kurzer selbstreflektierender Moment in der Fülle ihres philosophischen Rumgeplansches.
Sie war äußerst intelligent, aber nicht schlau genug, um (genug) über sich selbst nachzudenken. Sie dachte über alle möglichen Existenzen nach, nur nicht über sich selbst. Sie war außen vor. Sie war bloß das Medium der Erkenntnisgewinnung. Ihr Kopf dachte, ihre Hand schrieb und ihre Seele war etwas, dem sie schon lange keine Beachtung mehr schenkte. Sie selbst tangierte sich selbst nur peripher. Sie spürte sich selbst nur bei der Befriedigung bestimmter Grundbedürfnsse und allein diese vernachlässigte sie enorm. Sie fand keine Ruhe und keine Zeit für sich selbst, denn das Forschen nach Erkenntnissen war ihr weitaus wichtiger.

Irgendwann, als sie keinen Platz mehr in ihrem Zimmer für Notizen fand, beschlich sie das starke Bedürfnis, der eiserne Drang, all das wieder zu zerstören und hinaus in die Welt zu treten, um…

… Um die Wahrheit zu suchen.

Es waren die Scherben der Welt, die sie so sehr reizten. Ein regelrechter Zwang für sie bestand darin, alles Gesagte, Geschriebene, Verbildlichte und andersartig Gedachte zu durchdringen, zu einem Ganzen zusammmen zu fügen und in seinen ursprünglichen Zustand zurück zu versetzen. Sie empfand dabei einen Antrieb, der nicht mehr der Norm entsprach. Dies widersetzte sich jeglichen Maßstäben, denn sie war besessen. Absolut.

Das helle Licht brannte in ihren trübklaren Augen, sodass sie sie zusammen kneifen musste und somit nur noch einen schmalen Schlitz ihrer Umgebung wahrnahm. Die Vögel zwitscherten und verursachten eine Störung ihres Gedankenflusses. Sie band sie nämlich mit ein und das lenkte sie vom Eigentlichen ab. Sie dachte: „die Vögel sind so frei in ihrer Mobilität wie der Mensch frei in seinem Denken ist. Aber schnell verworf sie die letzte Feststellung wieder, denn, was sie sicher wusste, war, dass der Mensch alles andere als frei ist. Regelrecht unfrei, gar gefangen in seinen eigenen Emotionen und unbewussten Regungen. „Doch genug der Theorie“, dachte sie. Sie ging schneller, rannte fast, sprintete. Sie hatte kein Ziel, außer ihr geistiges. Und das verfolgte sie nicht mehr mit konventionellen Mitteln. Sie stellte sich vor, schneller denken zu können und so zu einem Ergebnis zu kommen, wenn ihr Körper sich schnell bewegte. Übrigens hatte sie immer noch nicht mehr an, als ihr Tuch. Mit nackten Füßen flog sie über den Asphalt, über Wald und Wiese. Vor ihr lag ein großer See. Sie steuerte darauf zu, zog an und – explodierte.

Das eiskalte Herbstwasser sog ihr den Verstand aus den Gliedern, sodass sie nicht mehr dachte, sondern sich auf einmal von ihrem angesammelten Dreck entledigte. Sie reinigte ihren Kopf – ohne Seife.
Ihre Lippen wurden blau wie die einer Eiskönigin. Sie bebte. Und erlebte einen kleinen Tod.

Danach fühlte sie sich leichter und doch miserabel zugleich. Sie stieg aus dem Wasser und drückte ihr Mitternachtstuch aus. Es war vollgesogen mit Wasser und Schmutz. Langsam trottete sie wieder nach Hause. Beinahe fand sie es nicht. Zuhause angekommen jedoch sah sie das Chaos in ihrem Zimmer und hatte plötzlich wieder einen ebeneren Sinn für Ordnung. Aber sie fühlte sich wieder schwer, doch diesmal war es anders. Es war eine angenehme Schwere, die von Erschöpfung, nicht Anspannung herrührte. Ihr Körper sprach wieder mit ihr – oder besser gesagt, sie konnte ihn wieder sprechen hören. Sie war nicht mehr taub für die Signale ihrer äußeren Hülle. Deshalb ließ sie alles stehen und liegen und stieg in ihr Bett.

Um Mitternacht stand sie wieder auf und betrachtete sich im Spiegel. Was sie sah, war nicht eindeutig. Sie verzog keine Miene, aber ihr Gesicht war nicht neutral. Sie spürte, dass sie etwas ändern musste. Sie holte kurzerhand einen dünnen Pinsel und schwarze Farbe. Sie war geschickt und klug. Denn sie zeichnete Worte spiegelverkehrt in ihr Gesicht, damit man sie als außenstehender Betrachter lesen konnte.

Es bildeten sich Sätze, wie:
„Nachts gurgeln im Sumpf der Wahrheit.
Erkenntnis durch kriegsverführerischen Einsatz des Verstandes.
Immerzu der Straße des Nichts entlang und wieder zurück.
Die Rückkehr der Wiedergeburt ohne Grenzen.“

Als Gesicht und Dekolleté keinen Platz mehr boten, tastete sie weiter nach unten und beschrieb jede freie Stelle. Keine Falte wurde verschont.

Nun war ihr kompletter Körper bekritzelt mit weiteren Aussagen, wie:
„Endlich essen im Raum der Zeit.
Lebendig fühlen die Richtung der Wissenden.
Stein und Stock wieder eins und doch geteilt.
Scherben fließen den Strom hinab.
Die Höhe der Gleichgesinnten nimmt keinen Schaden an der Existenz der Zerflossenen. Rücklings reitende Gelehrte im See der Klarheit.
Lächerlich schwache Geister im Alter der Jugend.
Lachend schweifen dumme Weise ab.“
Die letzte Äußerung lautete:
„Und das Mondlicht scheint so schön.“

Nachdem sie ihren letzten Satz niedergepinselt hatte, sah sie wieder in den Spiegel. Sie fühlte sich bestätigt durch sich selbst. Sie war zufrieden. Daraufhin besann sie sich auf ihr unordentliches Zimmer, das sie nun aufzuräumen begann.
Mittlerweile schien die Morgensonne schwach ins Zimmer. Die Farbe auf ihrer Haut verflüchtigte sich so langsam, also beschloss sie kurzerhand, duschen zu gehen. Eiskaltes Wasser floss in Strömen die knochigen Schultern hinab und säuberte ihre Hülle oberflächlich. Sie entfernte die Farbe ohne Seife.

Wiederum nackt schlich sie durch ihr Zimmer und suchte nach ihrem ornamental gemusterten Tuch. Es war noch feucht. Also nahm sie es und rieb damit die beschriebenen Stellen an Wand und Boden ab. Nachdem dies fertig war, wusch sie ihr sonderbares Tuch aus. Natürlich, ohne Seife.

minolta (51)
Foto: Martina Grabinsky

PROSA.

Eine Pflanze im Garten

Der gute Boden mit allerhand Nährstoffen, ohne chemischen Dünger oder sonstigen Zusatzsubstanzen war am Anfang eine solide Basis. Die Erde unter der Erdoberfläche, die einmal eine kräftige Wurzel halten sollte, sah nicht den Horizont. Sie spürte nicht die Windstöße und sah nicht die Dunkelheit, die eine andere war, als die, die sie selbst umgab. Jedoch bestand eine gewisse Grundkenntnis im Inneren des Erdkerns, die besagte, dass auch dunkle Stunden durchaus Knospen heranzüchten.
Irgendwann nach einigen Jahreszeitenwechseln und Wetterumschwüngen gab es einen Grund zur Freude. In die besagte Erde wurde ein Samen gesetzt durch vier verschiedene Hände, die von nun an die schwangere Mutter Erde umsorgten und neugierig beobachteten.
Die Zahnräder in den mikroskopisch kleinen Zellen drehten sich und wandten jene Art von Geburtshilfe an, die eine baldige Entstehung von zarten Wurzeln in die Wege leiteten. Ebenso schnell wurden die ersten Stängel sichtbar, die aus der Erde sprossen – zur Zufriedenheit der beiden Menschen, welche die Pflanze nun als wachsendes Symbol für ihre Liebe betrachteten. Etwas Zeit verging. Der einst dünne Stamm wurde breiter, die Äste stabiler und hin und wieder entfalteten sich kleinere Zweige und Blätter. Das Paar wartete gespannt auf die erste Blüte. Wie zwei Besucher im Zoo saßen die beiden vor der Pflanze und starrten voller Erwartung auf die grüne Gefährtin. Mit Augen wie Lupen, jeden Ast absuchend, wo denn nur eine Knospe am Entstehen sein könnte, verloren sich die beiden in ihrer eigenen Metapher.
Dies ging ein paar Wochen, Monate so. In dieser Zeit lernte die Pflanze die beiden Menschen immer besser kennen und entwickelte vermutlich durch Zufall eine Art Abneigung gegen jene. Dann geschah es, dass sie wie durch Analogiemagie ihren Gedanken in den Verstand des Mannes verpflanzte. Das irrationale Gefühl, das damit einher ging, wurde im nächsten Schritt als Keim an das Herz der Frau gelegt. Somit feierte die Pflanze ihre erste bewusste Handlung und ihren damit verbundenen Einfluss auf die beiden gänzlich andersartigen Geschöpfe, genannt Menschen.
Der nächste Morgen kam und der Mann erwachte mit eigenartigen Ideen, die seinen Kopf durchkreuzten. Sie marschierten quer über all seine ordentlich zurechtgelegten Pläne. Überall hinterließ dieser neue Gedanke seine Spuren. Seine Partnerin erkannte ein Stirnrunzeln und leicht unsichere Zornesfalten im Gesicht ihres bis dahin liebsten Freundes. Diese Reaktion wiederum ließ in ihr eine sonderbare und neue Empfindung ihm gegenüber aufleben, das Misstrauen.
Beide hielten sich für besonders intelligente Wesen und ahnten nicht, dass die aufkommenden Probleme zwischen ihnen, nicht nur auf die jeweils andere Person und – je nach Schuldeingeständnis – auch auf sie selbst zurückzuführen war, sondern auch auf eine unscheinbare dritte Partei.
So kam es also dazu, dass die beiden – nicht wissend, einer unbekannten Macht zu unterliegen – Blüten des Hasses und Nadeln der Verletzung produzierten. Diese wiederum entwickelten auf natürliche Weise ihr Eigenleben und gaben der einst so harmonischen Beziehung den Rest an Zerstörung.
Monate vergingen, die die Trennungsphase brauchte, um aus letztlich Einem wieder Zwei zu machen.

Gegen Ende entschied sich die Frau für die wenigen Ableger, die die Pflanze im Garten des nun geschiedenen Ehepaares doch tatsächlich hervorgebracht hatte. Sie nahm sie mit in ihr neues Zuhause, während der Mann in dem von emotionaler Verwüstung zeugenden Haus wohnen blieb und mit Wut der damals gemeinsam gepflegten Pflanze entgegenblickte. In einem Moment geballten Zornes überkam es ihn, sodass er den Stamm packte und im Begriff war, dessen Wurzeln aus der Erde herauszureißen. In diesem Augenblick richtete sich seine Aufmerksamkeit, wie von einem Magneten angezogen, auf eine versteckte Blütenknospe. Verstört ließ er seine Hand von der Pflanze zurückzucken und beschloss, sich ein herzhaftes und fleischiges Abendessen vom Metzger zu bestellen, um sein Aufatmen in dem nun fast leeren Haus zu feiern, da nun seine Ex-Frau ausgezogen war. Die Mahlzeit brachte ihn auf andere Gedanken. Fleischeslust machte sich in ihm breit. Mit zwei Einfällen ging er zu Bett. Diese beinhalteten den Wunsch nach Stillung seines Durstes nach körperlichem Begehren zum einen. Als zweites schwor er sich, seiner Ex-Frau nie wieder in die Augen sehen zu müssen.
Ebendiese Frau wachte an genau diesem Morgen auf, mit dem Nachbild eines merkwürdigen Traumes der vergangenen Nacht. Bilder von sich selbst schälenden Bananen tauchten in ihrem Gedächtnis auf und vermischten sich mit einer halb bewussten Stimme, die immer wieder die Worte „erotische Natur“ wiederholte. Im Geiste zählte sie ihre Pläne für den Tag auf und bemerkte dabei, dass jeder einzelne Ableger der ursprünglich so metaphorischen Pflanze eine Blüte entwickelt hatte. Diese Tatsache verursachte eine kurze Verwunderung bei ihr, bevor sie sich jedoch wieder ihrem Alltag zuwandte.
Auch sie entschied sich allmählich für eine neue Datingphase. Ohne davon auch nur im Geringsten Kenntnis zu nehmen, bildete sie auf jedem ihrer selbst ausgelösten Fotos von sich, die sie für das ein oder andere Online-Partnerportal brauchte, einen Teil der Pflanze ab. Die Ableger standen auf ihrem Zwei-Quadratmeter-Balkon, in im Grunde viel zu engen Blumentöpfen, doch an Sonne und Wasser fehlte es ihnen niemals.
Viele weitere Jahre verstrichen. Die Zeit wurde nicht langsamer. Die Höhen und Tiefen der voneinander getrennten ehemaligen Liebenden wechselten wie die Jahreszeiten rhythmisch und änderten ihre Färbung wie die Blätter an den Bäumen.
Irgendwann war es äußerst trockener Spätsommer. Die Hitze am Tag, die jegliche Frische in abseitige, tote Winkel verdrängt hatte, sorgte für Hormonschwankungen bei den sich gegenseitig in Vergessenheit gezwungenen Menschen. Nicht nur die Wolken stauten ihre Feuchtigkeit auf.
Durch einen Zufall kreuzten sich die Wege des Mannes, der in der Zwischenzeit ein chaotisches Leben gelebt hatte und der Frau, die ebenfalls eine Zeit geprägt von Suche und Orientierung verbracht hatte. Die Begegnung war nicht vorhersehbar, geschweigedenn herbeigesehnt.
Die Rolle, die das Wetter dabei spielte, hätte jeden Zuschauer verblüffen können. Die Wolkendecke brach zusammen und ein gewaltiger Regen ergoss sich den Himmel hinab.
Zu jener Zeit war der besagte Herr ohne Regenschirm unterwegs, im Gegensatz zu ihr. Auf der Flucht vor dem Unwetter erkannte er ihren schwarzen Zigeunerrock, ohne ihr Gesicht zu sehen, das vom Regenschirm verdeckt war.
Gefühle von Geborgenheit empfand er in diesem Moment. Und wieder zogen sie sich wie Magnete an, sodass sie wie durch einen Zufall den Impuls verspürte, ihre Perspektive zu ändern und geradewegs den Fall des Regens in ihr Gesicht zu fühlen. Dieses Innehalten verschaffte dem Mann etwas Zeit, ihr näher zu kommen und sie anzusprechen. Einen gewissen vertrauten Umgang empfanden beide beim oberflächlichen Austausch über die aktuelle Situation des jeweils anderen, während ihr Schirm sie vor den einprasselnden Regentropfen schützte. Sie willigte in seine Bitte ein, ihn nach Hause zu begleiten, da das Wetter nicht nachließ und sich der starke Regen in ein heftiges Gewitter verwandelte.
Das Haus ihrer Vergangenheit betrat sie mit gemischten Gefühlen, die sich aber bald zu unsicherer Freude einkehrten. Daran waren die jüngsten und einer gewissen Rebellion durchaus nicht abgeneigten Zweige der stets achtsamen Pflanze beteiligt, die immer noch am selben Platz verweilte. Eine Kanne mit heißem Tee wärmte die vier verschiedenen Hände. Ein Lächeln erwärmte sein Herz. Eine Geste ihre Schulter. Ein Blitz schlug ein und es wurde Abend, dann Nacht, dann Morgen.

04.Ehrenpreis

PROSA.

Das Lied

Klare Fische wandern im Tal von Baum zu Baum und klatschen im Takt der morgendlichen Helltages-Hymne. Keine Wolke am Himmel zu sehen, aber fischige Augen, die aus ihren Höhlen krabbeln ohne sieben Gedanken. Nichtsdestotrotz weben die Bienen weiter ihre frischen Netze aus Papyrus-Garn und schwatzen dabei recht laut. Doch die Fische haben riesig Lust, ein flüchtiges Lied, das einem aus den Ohren fällt, zu trällern und werden gar verrückt dabei, denn das ist das Lied der Wahnsinnigen. Es geht in etwa so:

„Habt ihr nicht gehört?
Habt ihr den Wettbewerb gewonnen?
Der Dritte war weiß im Gesicht,
Ganz bleich,
Als hätte er einen Mund,
Aus dem Worte kommen.
Überzeugt und weiß.
Diebe sind im Norden häufig,
So häufig, so häufig.
So häufig, so häufig.

Komm‘ und geh‘ mit,
In die falsche Höhle,
Aus der prächtige Primeln sterbend herausschreien.

Krähen und Kröten vernebeln die Sicht,
Die Sicht, die Sicht,
Auf die Wahrheit des Waldes und des Wals
Des Wals, des Wals, des Wals.
Was beherbergt er, welches Geheimnis?
GEHEIMNIS!

Schämt euch nicht, zu schweigen.
Es ist ein Grauen zu schnorcheln,
Im Wasser voller Zweige,
Denn was zählt,
Ist der gute, fischlose Anstand
Mit Untertönen,
Die von Gerücht zu Gerücht
Verschleimt werden, samt gutem Gewissen
Samt gutem Gewissen, gutem Gewissen,
Samt gutem Gewissen, gutem Gewissen.

Komm‘ und geh‘ mit,
In die falsche Höhle,

Aus der prächtige Primeln sterbend herausschreien.
Krähen und Kröten vernebeln die Sicht
Die Sicht, die Sicht,
Auf die Wahrheit des Waldes und des Wals
Des Wals, des Wals, des Wals.
Was beherbergt er, welches Geheimnis?
GEHEIMNIS!

Es ist Freude dabei,
Wenn Eier sterben
Und Vögel zerbrechen,
Denn den Wettbewerb kann niemand gewinnen.

Kennt ihr das Rätsel?
Habt ihr die Lösung?

Hahaha!“

Und sie lachten und lachten bis der Abend kam und sie schließlich alle gar in die Psychiatrie geschickt wurden, auch die Bienen, denn sie wurden als Zeugen eines Verbrechens in der Gegend mitgenommen. Es handelte sich um den Raub des Verstandes der fischigen Fische. Sie bestanden nur noch aus Schuppen und Gräten. Hatten weder Erinnerungsvermögen noch sonstige mentale Aktivitäten. Sie waren kaputt. Doch wer konnte das sein, der sie ihres kostenlosen Verstandes beraubt hatte?
Sie fanden es nie heraus, da die Töne des Wahnsinnigen-Liedes die Bienen ebenfalls benommen gemacht hatten. Da die faulen Fische nun immer noch wie bekloppt sangen, wurden auch bald die Ärzte mit deren bizarren Wahnsinn angesteckt, sodass einer von ihnen ein Streichholz herbei holte und das Haus anzündete. Die kleine Hütte aus Stöckchen und berauschten Tierchen brannte und es gab niemals Zeugen.

Der kleine Junge glubschte weg mit dem Verstand eines Fisches.

05-#3

PROSA.

Rezeptfrei

Das Rezept. Da liegt es. Es liegt neben meiner Hand. Ich ergreife es. Das Papier, billiges Papier. Ich möchte daran riechen. „Klinisch rein“ nennt man das doch. Frei von Ängsten bin auch ich nicht.
Doch, was tust du hier, innere Stimme?
Ich bin still. Jetzt musst du handeln.
Aber nein, wohin gehst du, verstumme nicht, ich will deinen Schrei hören, deinen Hilfeschrei! Ich will, dass du um Vergebung bettelst und flennst wie ein Kind. Ich zwinge dich auf die Knie! Sei gequält, du Ding!
Rezeptfrei aus der Apotheke heißt wirksam und gut verträglich.“
Wie bitte, ich glaube ich träume. Was soll das für ein blöder Scherz sein. Dieser Automat. Er starrt mich an. Dieser Automat. Er will, dass ich mein Rezept in ihm versenke. Dieser Automat. Der steht da bedrohlich in der Ecke. Und trotzdem. Er verlangt von mir Unmögliches. Ein Automat.
…Für rezeptfreie Medikamente.
…Der eine Öffnung für Rezepte besitzt.
Und jetzt? Ich weiß nicht weiter, ich bin schnappatmungsintensivüberfordert. Dabei will ich doch nur eins. Ein glückliches Medikament, das nicht chemiebehandelt ist.
– Mach jetzt!
Du schon wieder. Ich habe gesagt, du sollst vor mir knien. Und jetzt schleichst du dich von hinten aus dem Hinterhalt an und pisst mich von der Seite an. Ich weiß genau, was zu tun ist. Ich muss des Automaten Maul zukleben, bevor es noch mehr Schaden in meiner Psyche anrichtet. Ich will doch nur ein Rezept einlösen. Warum zur Hölle sagt der Automat dann immer die gleiche Floskel. Rezeptfrei. Rezeptfrei. REZEPTFREI! Ich habe aber ein verdammtes Rezept. Ein gottverdammtes Rezept! Außerdem sind Medikamente nie gut verträglich und bedauerlicherweise meist nur semiwirksam.
Ich will das nicht. Ich will das nicht! Lasst mich in Ruhe! Nein!

Und der Krankenwagen fuhr zum wiederholten Male in Richtung Wiesloch West.

PROSA.

Lexikon des Leidens: Armut

Arm an Gefühlen, lacht er versehentlich und weint aus gedrungenem Mitleid gegenüber sich selbst. Doch einst, als zwischen ihm und seinen Empfindungen noch keine Mauer gezogen wurde, die nun ab und an überwunden wird, wenn das Wasser zu hoch steigt, lagen Trauer und sein Bewusstsein eng umschlungen in einer innigen Umarmung auf dem harten Boden, dessen Hände die Bluttränen auffingen. Oder aber, als es ihm die Freude ermöglichte, abzuheben und die Welt von oben zu sehen. Doch jetzt: Es ist so wenig in ihm. Und so wenig um ihn, das ihn bewegen könnte. Wie ein Stein bleibt er starr – im Gesicht, in seinen Gliedern. In seiner Seele. Jedes Zeichen von Lebendigkeit in seiner Mimik ist gewichen, stattdessen verweilt der abwartende Ausdruck auf seinen Zügen. Die Armut der Gemütsbewegungen hat ihn langsam aufgefressen, sodass nur noch ein knochiges Skelett zurück geblieben ist. Sie selbst ist ein recht wohl genährtes Absurdum. Sie lebt hinter der besagten Mauer und hält ihre Geißeln zurück. Es gibt keinen Weg, durch sie hindurch zu dringen. Keinen, außer, wenn jemand oder etwas es schafft, die allzu rasch wieder zuwachsende Mauer einzureißen, wodurch einige Geißeln ihre Freiheit wieder finden können. Oder, wenn jemand die Seele des Emotionslosen derart bespielt, dass Wellen schlagen im Land der Gefangenschaft. Somit gelingt es einigen Regungen zu entkommen – samt Tröpfchen, die auch noch hindurch fließen. Jedoch ist die Armut meist so stark, dass sie sogar das Leid selbst gefesselt hält und es damit nur noch überschwenglicher werden lässt. Das Hintergrundrauschen der entmachteten Gefühle verschlimmert das nüchterne Leiden des Besagten am Tag.

PROSA.

Der Tintenfisch

Ich füttere den Tintenfisch. Er spuckt aus ein Wort, dann zwei. Dann drei. Das Papier sagt: „Blubb, blubb, blubb.“ Nein, mehr hast du nicht drauf? Armselig. Ich quetsche ihn aus. Komm, was hast du jetzt zu sagen, du Stück Papier?! „Schwindel treibt den Kopf in die Tiefe, bis der Hals sich dreht und alle Organe vergessen, welch Aufgabe ihnen innewohnt.“ Nun, damit kann ich nichts anfangen. Versuchen wir es noch ein letztes Mal. Ich gebe dem Tintenfisch ein Leckerli. Sag mir, was du sagen kannst, Papier! „Kraft ist da, wo sie zu Schwäche wird und Schwäche ist überall. Heute ist morgen.“ Na gut, es scheint kein günstiger Tag zu sein. Ich probiere es morgen noch einmal in Ruhe, diesen teuren Tintenfisch auszuquetschen – dann spuckt er vielleicht etwas Sinnvolles aus.

So, du Tintenfisch, ich hoffe, dir geht es heute besser. Hier, hast du dein Frühstück.

Und nun, sprich, Papier. Sprich mit mir! Es erscheinen zunächst nur Kleckse auf der weißen Fläche, doch dann beginnt das Papier zu reden: „In trüber Stimmung tanzt die blaue Ziege umher mit blauen Hörnern im Glanz der Nachtsonne mit purpurnem Himmel und Sternen.“ Ja, das ist nicht schlecht. Weiter so. „Die Gebärdensprache zeigt auf sie und sie beendet schlagartig die Bewegung. Stattdessen kommt sie auf dich zu, langsam und schwer atmend. Ergreift deine Hand, sagt „Tschüs“ und nimmt den Tanz wieder in wahnsinniger Dynamik auf. Sie steppt von einem Bein zum anderen, hebt die Arme in die Höhe, schwingt den Kopf und die Hüfte, als wären die Tiere keine Tiere. Sind sie auch nicht.“

Das ist ja vorzüglich. Friss, Tintenfisch! Friss noch mehr. Und er kotzt und kotzt, bis das Papier vollkommen beschmiert ist. „Der Hammer zerschlägt die gute Stimmung, schlägt die Ziege entzwei und lacht so schelmisch, dass der Morgen naht und alle vergessen, was geschehen ist. Am nächsten Tag beschließt der Pfarrer die blaue Ziege zu suchen, da sie nicht im Gottesdienst erschienen ist. Keine Spur von ihr, denn alles, was von ihr übrig ist, ist eine Halskette, von der niemand weiß, dass sie sie trug. Du schleichst dich an, zu der Stelle, wo der Hammer die Ziege getroffen hatte und nimmst das Amulett mit. Reißt es an dich, als wäre es dein. Siehst du, welchen Schatz sie bei sich hatte? Es ist das Freiheitselixier, das einen immun von Fesseln macht. Man ist immer frei. Aber nicht vom Tod, deshalb hat sie ihn im Hammer gefunden.“ So langsam nimmt diese Geschichte einen grotesken Verlauf. Vielleicht sollte ich dem Tintenfisch etwas anderes zu futtern geben. Hier, hast du eine Banane. Und das Blatt redete weiter: „Und in seinem Schlaf redete der Pfarrer nur noch von der Ziege, als wäre sie seine Geliebte gewesen. War es nicht so? Stöhnend wacht er auf und findet eine Pfütze auf seinem Bauch vor seiner Nasenspitze. Er liest sie insgeheim und ganz genau, denn es könnte ja eine versteckte Botschaft der Ziege sein. Er liest und liest, doch findet keine Antwort. Alles, was er versteht ist: Es fehlt Gelb. Das nützt ihm jedoch auch nichts. Jedenfalls sammelt er alles, was die Farbe Gelb trägt und bringt es nach Hause. Darunter befinden sich eine Menge Blütenblätter, ein Strohballen, Früchte und Stoffe. Er mixt alles zusammen und damit es auch gut riecht, gibt er einen Schuss Goldstern-Extrakt dazu. Er trinkt davon und ihm wird schlagartig übel. Nach langem Ringen mit dem Tod, gewinnt dieser jedoch und schwingt die Sense. Du schleichst dich rein, nimmst dem Pfarrer sein Heiligtum, dass bis dato noch seine Wand zierte – ein Kreuz-Anhänger, rennst davon und freust dich über deine neue Beute. Du hast es geschafft, du hast den zweiten Freiheitsanhänger gefunden und nun stirbst auch du. Und findest deine wahre Freiheit.“ Das war nun eine recht hübsche Geschichte, danke lieber Tintenfisch. Du hast deinen Soll getan. Und jetzt wandere in den Kochtopf. Demütig wandert der Tintenfisch in Richtung Kochtopf. „Auch ich finde nun meine wahre Freiheit“, blubbert es im Topf.

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