LYRIK.

Am Zwielicht nicht erstickt

Bild 4
Models: Marie Böffgen & Saher Abdulraouf

 

Schweiß und Tränen perlten an ihrer Gänsehaut hinab

„Wo findet man Steine, an denen man sich nicht verschluckt“
Sagte sie
Von mir kam keine Antwort
Jedenfalls keine, die sie sehen konnte

Hören konnte ich wieder und wieder fragende Blicke

Diese laute Stimme in ihrem zarten Tonfall erschrak mich
„Ich sehe dich“
Erzählte ich ihr
Verschlungene Augen und hungrige Ängste ließen sie in mir erzittern
Meine Kontrolle drohte ihren Halt zu verlieren
Nur atmen durfte sie

Ein Zwielicht teilte sie

„Wer ist schuld. Woher kommst du“
Stand im Raum dazwischen
Fühlen konnte dadurch niemand mehr

Und fester hielt das Dunkel ihre Schwäche

„Mach mit“
Fragte ich mich dann

Und nie wieder

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LYRIK.

Du!

(Ich)
Zwang
Sprache
Reden
Blicke
Un
Un
Un
Unsicherheit
Auf den Kopf gefallen
Liegen gelassen
Verspottet in Gedanken
Belächelt im Geheimen
Kritisiert hinter Wänden
Unbemerkt
Aufgestanden
Weggeschlichen
Hass Hass Hass
Messer im Kopf
Schneiden im Herzen
Tränen in Wirklichkeit
Hohe Türme
Springen
Fallen
Empor
Klettern
Fallen
Springen Empor Springen. Ich liebe mich.

PROSA.

Ohne Seife

Der Mond schien schwach ins Zimmer, während die Texte verstreut auf Tisch und Boden lagen. Ihre Gedanken waren schwer wie Blei, ihre Glieder ernst und tot. Augen fahl wie Seide. Und ein zermürbtes Gesicht, als hätte es Motten. Jeglicher Glanz verschwand, immer wenn der Blick aus dem Fenster den Regentropfen begegnete. Nichts bedeckte den dürren Körper, als ein Tuch um ihre Schultern, das violett und mitternachtsblau gemustert war. Die Worte klirrten dumpf in ihrem Kopf. Sie konnte sich nicht von ihnen trennen, denn sie nahmen keinen Abschied. Das war ein Fehler.

Der traurige Blick senkte sich hinab zum wertlosen Papier. Es hatte nur den Wert, den sie ihm zuschrieb. Doch in Wirklichkeit war alles egal. Die Schrift war egal, der Inhalt. Sie war egal. So bedeutungslos, aber sie lebte.
Die Wangen glühten vor Anspannung. Die Hände zitterten vor Ehrfurcht. Die Sinnlosigkeit der Sache versteckte sich vor ihr. Vielleicht war sie aber auch blind dafür. Wahrscheinlich hatte sie gar kein Bewusstsein für die Nichtigkeit und Notwendiglosigkeit der Dinge, die sie zu interessieren schienen. Schon fast lächerlich wichtig nahm sie die ganze Arbeit. Sie konnte nicht anders. Sie erlag dem Zwang der Sprache.
Heute war es nicht schön in der Welt der Literatur.

Die Sätze spielten mit ihrem Kopf. Sie verspotteten sie. Sie erniedrigten sie. Sie trieben sie bis an ihre Grenze. Hemmungslos tanzten sie um sie herum, wie eine Horde frecher Kinder. Dann wuschen sie ihr den Kopf, ohne Seife.

Mal laut dann leise, flüsterten sie ihr Dinge zu – nicht in die Ohren, denn sie waren nicht zu hören. Sie waren nur zu spüren. Sie gingen ihr durch die Haut. Bis in die innerste Pore ihrer Seele. Und dann verschwanden sie nicht, nein. Sie nisteten sich in ihr Gedächtnis ein, wie Parasiten und richteten dort großen Schaden an.

Sie verstand, dass sie wissen sollte, dass sie nichts weiß. Und sie wusste, dass Fantasie wichtiger ist als jegliches Wissen, denn dies sei begrenzt. Doch was war, wenn das Wissen um die Fantasie auch begrenzt wäre und sie daran hindern würde, ihre Fantasie auszuleben und grenzenlos werden zu lassen? Sie wusste, dass sie die Antwort auf diese Frage nicht kannte. Auch sie konnte aus einem Kreis kein Quadrat machen. Sie gab nicht auf. Sie befand sich keineswegs in einem Zustand des Stillstandes. Sie stand still. Und im Gegenteil: Sie dachte auch nicht nach. Sie überlegte nicht. Sie raste ohne Pause, ohne Verschnaufen, ohne Atmen. Tot. Tödlich schnell überschlug sie sich beinahe.

Sie schloss die Augen und sah: Einen Knoten. Einen Knoten aus Sätzen. Sie ergaben im Zusammenspiel keinen Sinn, sodass sie sich in die Quere kamen. Sie verschmolzen förmlich und lösten sich nie wieder. So entstand ein neuer Sinn und eine neue Bedeutung der einzelnen Worte.

Sie wollte nicht schlafen; sie wollte nicht essen. Sie wollte nur eines, den Zusammenhang und schlussendlich den Sinn der Sätze herausfinden. Ob ihr dies noch heute gelang, in dieser Nacht? Das war zu bezweifeln. Denn sie war nicht mehr da.

Sie war nicht sauber. Die Reste des Tages und der ganze Müll, den sie über Wochen, Monate, Jahre angesammelt hatte, flog wild in ihr herum. Es war bereits so weit gekommen, dass ein turbulenter Wirbelsturm alles aufwirbelte, was nicht angewurzelt war. Alles wurde in Frage gestellt und mit allem wiederum verknüpft. Querverbindungen waren die Lösung für jedes Problem und gleichzeitig die Frage jedes neuen Problems. Der Sturm wütete noch bis in die späten Morgenstunden, während sie stumm zu keinem wirklichen Ergebnis kam. Man könnte es höchstens „Illusionen von verwirrenden Zwischenergebnissen“ nennen, doch eigentlich hatten sie noch nicht einmal diesen Titel verdient.

Um halb zehn Uhr morgens legte sie sich flach auf den harten Boden in ihrem Zimmer und starrte die Decke an. Es bildeten sich Schatten. Schatten von Texten. Die abgespeicherten Bilder der diagonal gelesenen Texte. Sie las sie. Nein, sie überflog sie. Sie filterte die für sie wichtigen und die sie reizenden Stellen heraus, um sie zu verstehen. In Wirklichkeit aber verzettelte sie sich dabei so sehr, dass in ihrem Kopf ein Gewirr aus philosophischen Fragestellungen, künstlerischen Motiven und sonstigen literarischen Ergüssen stattfand. Sie jedoch sah das alles in der Gesamtbetrachtung wie ein riesiges Mosaik, das aus den verschiedenen Bruchstücken (von ihr) zusammengesetzt werden musste, um den Sinn des Lebens, ja den Sinn der Welt nachvollziehen zu können. Objektiv betrachtet, herrschte in ihrem Kopf ein einziges Chaos – nicht für sie: Sie stapelte (oberflächlich gesehen) ähnliche Inhalte und sortierte sie. Sortierte, sortierte. Sie war ein wahres Organisationstalent. Sehr talentiert war sie im Übrigen auch in dem Verfassen von eigenen Texten. Sie hörte sich selbst ihre imaginären Texte lesen, niederkritzeln. Sie hörte nicht auf. Auch, als die Kirchturmglocke zwölf Uhr Mittag schlug, nicht. Im Gegenteil. Sie sah dies als ein Zeichen des aktiv werden Müssens an. So sprang sie auf und holte sich Stift und Papier. So nackt wie sie war, nur mit ihrem ornamentalen Tuch bekleidet, schrieb sie willkürlich ihre Gedanken quer und gerade auf das Blatt. Das ergab ja so viel Sinn! Eine Feststellung nach der anderen erschien auf der weißen, leeren Fläche. Es folgten Fragen. Darauf Antworten. Immer so weiter, bis das Blatt voll war. Doch dies störte sie nicht im geringsten. Sie schrieb schlichtweg auf Tisch und später auf dem Boden weiter. Die Wände waren auch noch recht kahl – ihnen blühte das gleiche Schicksal. Alles entwickelte sich weiter; ihre Ideen, ihre Erkenntnisse. Sie wusste nicht mehr, wer sie war.

Ich denke, also bin ich, dachte sie, um sich selbst wieder zu fangen. Doch dies war nur ein kurzer selbstreflektierender Moment in der Fülle ihres philosophischen Rumgeplansches.
Sie war äußerst intelligent, aber nicht schlau genug, um (genug) über sich selbst nachzudenken. Sie dachte über alle möglichen Existenzen nach, nur nicht über sich selbst. Sie war außen vor. Sie war bloß das Medium der Erkenntnisgewinnung. Ihr Kopf dachte, ihre Hand schrieb und ihre Seele war etwas, dem sie schon lange keine Beachtung mehr schenkte. Sie selbst tangierte sich selbst nur peripher. Sie spürte sich selbst nur bei der Befriedigung bestimmter Grundbedürfnsse und allein diese vernachlässigte sie enorm. Sie fand keine Ruhe und keine Zeit für sich selbst, denn das Forschen nach Erkenntnissen war ihr weitaus wichtiger.

Irgendwann, als sie keinen Platz mehr in ihrem Zimmer für Notizen fand, beschlich sie das starke Bedürfnis, der eiserne Drang, all das wieder zu zerstören und hinaus in die Welt zu treten, um…

… Um die Wahrheit zu suchen.

Es waren die Scherben der Welt, die sie so sehr reizten. Ein regelrechter Zwang für sie bestand darin, alles Gesagte, Geschriebene, Verbildlichte und andersartig Gedachte zu durchdringen, zu einem Ganzen zusammmen zu fügen und in seinen ursprünglichen Zustand zurück zu versetzen. Sie empfand dabei einen Antrieb, der nicht mehr der Norm entsprach. Dies widersetzte sich jeglichen Maßstäben, denn sie war besessen. Absolut.

Das helle Licht brannte in ihren trübklaren Augen, sodass sie sie zusammen kneifen musste und somit nur noch einen schmalen Schlitz ihrer Umgebung wahrnahm. Die Vögel zwitscherten und verursachten eine Störung ihres Gedankenflusses. Sie band sie nämlich mit ein und das lenkte sie vom Eigentlichen ab. Sie dachte: „die Vögel sind so frei in ihrer Mobilität wie der Mensch frei in seinem Denken ist. Aber schnell verworf sie die letzte Feststellung wieder, denn, was sie sicher wusste, war, dass der Mensch alles andere als frei ist. Regelrecht unfrei, gar gefangen in seinen eigenen Emotionen und unbewussten Regungen. „Doch genug der Theorie“, dachte sie. Sie ging schneller, rannte fast, sprintete. Sie hatte kein Ziel, außer ihr geistiges. Und das verfolgte sie nicht mehr mit konventionellen Mitteln. Sie stellte sich vor, schneller denken zu können und so zu einem Ergebnis zu kommen, wenn ihr Körper sich schnell bewegte. Übrigens hatte sie immer noch nicht mehr an, als ihr Tuch. Mit nackten Füßen flog sie über den Asphalt, über Wald und Wiese. Vor ihr lag ein großer See. Sie steuerte darauf zu, zog an und – explodierte.

Das eiskalte Herbstwasser sog ihr den Verstand aus den Gliedern, sodass sie nicht mehr dachte, sondern sich auf einmal von ihrem angesammelten Dreck entledigte. Sie reinigte ihren Kopf – ohne Seife.
Ihre Lippen wurden blau wie die einer Eiskönigin. Sie bebte. Und erlebte einen kleinen Tod.

Danach fühlte sie sich leichter und doch miserabel zugleich. Sie stieg aus dem Wasser und drückte ihr Mitternachtstuch aus. Es war vollgesogen mit Wasser und Schmutz. Langsam trottete sie wieder nach Hause. Beinahe fand sie es nicht. Zuhause angekommen jedoch sah sie das Chaos in ihrem Zimmer und hatte plötzlich wieder einen ebeneren Sinn für Ordnung. Aber sie fühlte sich wieder schwer, doch diesmal war es anders. Es war eine angenehme Schwere, die von Erschöpfung, nicht Anspannung herrührte. Ihr Körper sprach wieder mit ihr – oder besser gesagt, sie konnte ihn wieder sprechen hören. Sie war nicht mehr taub für die Signale ihrer äußeren Hülle. Deshalb ließ sie alles stehen und liegen und stieg in ihr Bett.

Um Mitternacht stand sie wieder auf und betrachtete sich im Spiegel. Was sie sah, war nicht eindeutig. Sie verzog keine Miene, aber ihr Gesicht war nicht neutral. Sie spürte, dass sie etwas ändern musste. Sie holte kurzerhand einen dünnen Pinsel und schwarze Farbe. Sie war geschickt und klug. Denn sie zeichnete Worte spiegelverkehrt in ihr Gesicht, damit man sie als außenstehender Betrachter lesen konnte.

Es bildeten sich Sätze, wie:
„Nachts gurgeln im Sumpf der Wahrheit.
Erkenntnis durch kriegsverführerischen Einsatz des Verstandes.
Immerzu der Straße des Nichts entlang und wieder zurück.
Die Rückkehr der Wiedergeburt ohne Grenzen.“

Als Gesicht und Dekolleté keinen Platz mehr boten, tastete sie weiter nach unten und beschrieb jede freie Stelle. Keine Falte wurde verschont.

Nun war ihr kompletter Körper bekritzelt mit weiteren Aussagen, wie:
„Endlich essen im Raum der Zeit.
Lebendig fühlen die Richtung der Wissenden.
Stein und Stock wieder eins und doch geteilt.
Scherben fließen den Strom hinab.
Die Höhe der Gleichgesinnten nimmt keinen Schaden an der Existenz der Zerflossenen. Rücklings reitende Gelehrte im See der Klarheit.
Lächerlich schwache Geister im Alter der Jugend.
Lachend schweifen dumme Weise ab.“
Die letzte Äußerung lautete:
„Und das Mondlicht scheint so schön.“

Nachdem sie ihren letzten Satz niedergepinselt hatte, sah sie wieder in den Spiegel. Sie fühlte sich bestätigt durch sich selbst. Sie war zufrieden. Daraufhin besann sie sich auf ihr unordentliches Zimmer, das sie nun aufzuräumen begann.
Mittlerweile schien die Morgensonne schwach ins Zimmer. Die Farbe auf ihrer Haut verflüchtigte sich so langsam, also beschloss sie kurzerhand, duschen zu gehen. Eiskaltes Wasser floss in Strömen die knochigen Schultern hinab und säuberte ihre Hülle oberflächlich. Sie entfernte die Farbe ohne Seife.

Wiederum nackt schlich sie durch ihr Zimmer und suchte nach ihrem ornamental gemusterten Tuch. Es war noch feucht. Also nahm sie es und rieb damit die beschriebenen Stellen an Wand und Boden ab. Nachdem dies fertig war, wusch sie ihr sonderbares Tuch aus. Natürlich, ohne Seife.

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Foto: Martina Grabinsky https://martinawollfotografie.blogspot.com/

 

LYRIK.

421.395.99° Kaleidoskop

Im Winter ist es zweifarbig. Die kühle Luft besteht aus zwei gleichen Farben. Im Frühling herrscht eine bunte Mischung zwischen Nässe, Trockenheit und milden Windstößen. Frühlingshafte Tage beinhalten selbstverständlich ebenfalls winterliche Eigenschaften.
Und der Sommer ist der Anfang. Zu Beginn erhellt der Überfluss die Straßen. Durchschnitt. Und es bleibt nicht konstant. Den Herbst gibt es nicht. Ich liebte den Herbst. Irgendwann verdrängt in einen toten Winkel.

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