DRAMA.

Schutzbrillen im Gespräch

A: Fragen Sie mich nichts mehr. Ich reagiere allergisch auf erwartungsvolle Augen. Man bräuchte eine Brille, die die Augen des Gegenübers ausblendet oder schwärzt. Ja, das wäre eine wundervolle und sorgenfressende Erfindung für die Menschheit. Vielleicht noch ein paar Glitzerperlen an den Rand des Brillengestells und fertig ist der neue Trend.
Wieso sollte man sich ständig dem unsichtbaren Aussagestrom seines Gesprächspartners aussetzen, wenn man ihn auch auf tot stellen kann?

B: Eine ausgezeichnete Idee, wie ich finde. Ihnen gebührt mein voller Respekt. Wie immer.

A: Sie müssen mir nicht nach dem Mund reden. Es reicht, wenn Sie Ja oder Amen sagen. Dann weiß ich Bescheid und Sie müssen sich nicht allzu sehr anzustrengen, mir irgendwo hinzukriechen.
Also zurück zur Technologie. Wahrscheinlich ergibt es wenig Sinn, die Augen schwarz erscheinen zu lassen. Man sähe sowieso noch die Bewegung und die Blickrichtung. Das wäre schon zu viel der Preisgebung.
Nebenbei gesagt bin ich dafür, dass das Tragen der Brille auf Gegenseitigkeit beruht. Von mir aus können Liebespaare ohne Schutz Blickverkehr betreiben, aber ich schätze, es würde jeder nicht intimen Beziehung gut tun, den Blickkontakt zu unterlassen.
Man denke nur an die weiten Felder des erhöhten menschlichen Verstandes, der sich dadurch ausweiten wird, dass die Ratio nicht mehr von der sozialen Komponente eingeschränkt zum Tragen kommt.
Aber wie auch immer die Zukunft damit aussehen mag, kümmern wir uns erst einmal um die Konstruktion des Modells.

B: Ich muss mich entschuldigen. Ich bin irgendwie überfordert von Ihrem Gedankenschwall.

PROSA.

Vor einem Mülleimer im Park

10-jähriges Kind: „Da liegt ein Heft drin. Hat das jemand weggeworfen? Da steht „Knochen, die so spitz sind, dass sie durch die Haut hindurchbrechen, sollten stets geschliffen werden. Im schlimmsten Fall, und vorausgesetzt die nötigen finanziellen Mittel liegen vor, auch poliert.“ Was heißt das denn?“

Kind dreht sich um.

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Foto: Novo Seven
LYRIK.

Gleichermaßen

Uhren im Schnelldurchlauf
Rasen um die Zeit herum
Kein Stoppen
Kein Vergeben
Weder vegetieren
Noch verlieren

Wo bleibt das Netz
Streckt man Hände aus
Greift man eine Ziffer
Hallt wider im stummen Blatt

Staune leise
Vor meiner Nase hält der Zeiger
Richtet sich zurück
Zeigt wiederum auf mich

Ich schätze es fehlt an Takt

Nahtlos weiter geht der Kreis
Vom Ende bis zum Anfang
Heftig schreibt der Zeiger die Geschichte

Ein Blatt beschrieben
Mit Ziffern von A bis Z
Geschichten von Rot bis Schwarz

Namen von dir zu mir

Und rundherum
Einige Steine
Die danach schleudern
Anzuhalten
Scheint das Wort
Das durch die Nadel drückt

Und gleichzeitig setzt sie wieder an
Hört nicht auf
Zeigt heute auf mich
Morgen auf sie

So nah so fern
Und immer

Weit von allen Sorgen

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GEDANKEN.

Seelenfahrt

Ein Kreis und ein Auge, das ihn umschließt, weisen mir den Weg zu vielen Fragezeichen, deren Ende sich in der Feuchtigkeit der runden, weißen Äpfel sammelt.

Ich steige auf ein Schiff und begebe mich auf eine Reise, hinein in den Blick. Segele durch die schwarze Nacht, durch Dickicht und verschmutzte Routen.

Meinem eigenen Schrecken begegne ich dort von Zeit zu Zeit. Die Fahrt erinnert mich an eine Geisterbahn – gebündelte Furcht und Adrenalin rennen um die Wette.

Meine Entschlossenheit jedoch wird nicht schwach.

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PROSA.

Der Kopf

Laute aus meinem Mund, die erzeugt werden mussten und Worte, die eine Illusion präsentieren. Ein Brummen, dass das Schauspiel perfekt macht. Eine rundum gelungene Täuschung. Und das für eine nette Summe.

Die Grenzen sind nicht klar. Die von Geld hypnotisierten Augen können die Warnsignale nur schwach bis gar nicht erkennen und selbst, wenn sie vor ihnen deutlich aufleuchten, verschließen sie sich und gehen blind über die Barriere. Doch, sollte dahinter ein Abgrund lauern, so sind sie taub für jeglichen Rat und kennen keine Zurückhaltung. Stufenweise sinken sie herab und registrieren den stummen Fall nicht einmal. Der langsame Verbrauch, die Verdorbenheit, die mit dem Fallen einher geht, bleibt ihnen verhüllt. Sie verschlingen das Geld und dursten jedes Mal nach mehr – es ist nicht mehr gesund. Wie besessen, raffen sie nach dem nächsten Reiz.

Die Stimmen von außen sind so leise und bedeutungslos im großen Kopf. Es treibt höchstens ein Wind auf dem kleinen Meer, der meist still im Kopf verweilt und der Ideen ans Ufer spült, die von unterster Tiefe des Meereshalses kommen und da vielleicht doch besser hätten bleiben sollen.

Wie Hyänen mit feuchten Mundwinkeln, warten sie auf den nächsten Betrag. Es sind kleine Monster im Gewässer, die gefüttert werden möchten.

Sie spucken ihre Perlen vor die Säue und wachsen durch den Tausch immer weiter. Sie gedeihen und schießen in alle Richtungen, sodass bald kein Platz mehr ist im Kopf voller Wasser.

Doch es kommt der Zeitpunkt, an dem das Getier einer unberechenbaren Macht zum Opfer fällt. Die Flüssigkeit schwappt über und dringt aus allen Öffnungen. Nichts bleibt zurück als Leere.

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Mit: Saher Abdulraouf