PROSA.

Eine Pflanze im Garten

Der gute Boden mit allerhand Nährstoffen, ohne chemischen Dünger oder sonstigen Zusatzsubstanzen war am Anfang eine solide Basis. Die Erde unter der Oberfläche, die einmal eine kräftige Wurzel halten sollte, sah nicht den Horizont. Sie spürte nicht die Windstöße und sah nicht die Dunkelheit, die eine andere war, als die, die sie selbst umgab. Jedoch bestand eine gewisse Grundkenntnis im Inneren des Kerns, die besagte, dass auch dunkle Stunden durchaus Knospen heranzüchten.

Irgendwann nach einigen Jahreszeitenwechseln und Wetter- sowie Klimaumschwüngen gab es einen Grund zur Freude. In die besagte Erde wurde ein Samen gesetzt durch vier verschiedene Hände, die von nun an die schwangere Mutter Erde umsorgten und neugierig beobachteten.
Die Zahnräder in den mikroskopisch kleinen Zellen drehten sich und wandten jene Art von Geburtshilfe an, die eine baldige Entstehung von zarten Wurzeln in die Wege leiteten. Ebenso schnell wurden die ersten Stängel sichtbar, die aus der Erde sprossen – zur Zufriedenheit der beiden Menschen, welche die Pflanze nun als wachsendes Symbol für ihre Liebe betrachteten. Etwas Zeit verging. Der einst dünne Stamm wurde breiter, die Äste stabiler und hin und wieder entfalteten sich kleinere Zweige und Blätter. Das Paar wartete gespannt auf die erste Blüte. Wie zwei Besucher im Zoo saßen die beiden vor der Pflanze und starrten voller Erwartung auf die grüne Gefährtin. Mit Augen wie Lupen, jeden Ast absuchend, wo denn nur eine Knospe am Entstehen sein könnte, verloren sich die beiden in ihrer eigenen Metapher.
Dies ging ein paar Wochen, Monate so. In dieser Zeit lernte die Pflanze die beiden Menschen immer besser kennen und entwickelte vermutlich durch Zufall eine Art Abneigung gegen jene. Dann geschah es, dass sie wie durch einen analogen Zaubertrick ihren Gedanken in den Verstand des Mannes verpflanzte. Das irrationale Gefühl, das damit einher ging, wurde im nächsten Schritt als Keim an das Herz der Frau gelegt. Somit feierte die Pflanze ihre erste bewusste Handlung und ihren damit verbundenen Einfluss auf die beiden gänzlich andersartigen Geschöpfe, genannt Menschen.
Der nächste Morgen kam und der Mann erwachte mit eigenartigen Ideen, die seinen Kopf durchkreuzten. Sie marschierten quer über all seine ordentlich zurechtgelegten Pläne. Überall hinterließ dieser neue Gedanke seine Spuren. Es waren schmutzige Hinterlassenschaften. Seine Partnerin erkannte ein Stirnrunzeln und leichte unsichere Zornesfalten im Gesicht ihres bis dahin liebsten Freundes. Diese Reaktion wiederum ließ in ihr eine sonderbare und neue Empfindung ihm gegenüber aufleben, das Misstrauen.

Beide hielten sich für besonders intelligente Wesen und ahnten nicht, dass die aufkommenden Probleme zwischen ihnen, nicht nur auf die jeweils andere Person und – je nach Schuldeingestehen – auch auf sie selbst zurückzuführen war, sondern auch auf eine unscheinbare dritte Partei.
So kam es also dazu, dass die beiden, unwissentlich, einer unbekannten Macht zu unterliegen, Blüten des Hasses und Nadeln der Verletzung produzierten. Diese wiederum entwickelten auf natürliche Weise ihr Eigenleben und gaben der einst so harmonischen Beziehung den Rest an Zerstörung.

Monate vergingen, die die Trennungsphase brauchte, um aus letztlich Einem wieder Zwei zu machen. Gegen Ende entschied sich die Frau für die wenigen Ableger, die die Pflanze im Garten des nun geschiedenen Ehepaares doch tatsächlich hervorgebracht hatte. Sie nahm sie mit in ihr neues Zuhause, während der Mann in dem von emotionaler Verwüstung zeugenden Haus wohnen blieb und mit Wut der damals gemeinsam gepflegten Pflanze entgegenblickte. In einem Moment geballten Zornes überkam es ihn, sodass er den Stamm packte und im Begriff war, dessen Wurzeln aus der Erde herauszureißen. In diesem Augenblick richtete sich seine Aufmerksamkeit, wie von einem Magneten angezogen, auf eine versteckte Blütenknospe. Gedankenverstört ließ er seine Hand von der Pflanze zurückzucken und beschloss, sich ein herzhaftes und fleischiges Abendessen vom Metzger zu bestellen, um sein Aufatmen in dem nun fast leeren Haus zu feiern, da nun seine Ex-Frau ausgezogen war. Die Mahlzeit brachte ihn auf andere Gedanken. Fleischeslust machte sich in ihm breit. Mit zwei Einfällen ging er zu Bett. Diese beinhalteten den Wunsch nach Stillung seines Durstes nach körperlichem Begehren zum einen. Als zweites schwor er sich, seiner Ex-Frau nie wieder in die Augen sehen zu müssen.
Ebendiese Frau wachte an genau diesem Morgen auf, mit dem Nachwirken eines merkwürdigen Traumes der vergangenen Nacht. Bilder von sich selbst schälenden Bananen tauchten in ihrem Gedächtnis auf und vermischten sich mit einer halb bewussten Stimme, die immer wieder die Worte „erotische Natur“ wiederholte. Im Geiste zählte sie ihre Pläne für den Tag auf und bemerkte dabei, dass jeder einzelne Ableger der ursprünglich so metaphorischen Pflanze eine Blüte entwickelt hatte. Diese Tatsache verursachte eine kurze Verwunderung bei ihr, bevor sie sich jedoch wieder ihrem Alltag zuwandte.
Auch sie entschied sich allmählich für eine neue Datingphase. Ohne davon auch nur im Geringsten Kenntnis zu nehmen, bildete sie auf jedem ihrer selbst ausgelösten Fotos von sich, die sie für das ein oder andere Online-Partnerportal brauchte, einen Teil der Pflanze ab. Die Ableger standen auf ihrem Zwei-Quadratmeter-Balkon, in, im Grunde viel zu engen, Blumentöpfen, doch an Sonne und Wasser fehlte es ihnen niemals.

Viele weitere Jahre verstrichen. Die Zeit wurde nicht langsamer. Die Höhen und Tiefen der voneinander getrennten ehemaligen Liebendenen wechselten wie die Jahreszeiten rhythmisch und änderten ihre Färbung wie die Blätter an den Bäumen.

Irgendwann war es äußerst trockener Spätsommer. Die Hitze am Tag, die jegliche Frische in abseitige, tote Winkel verdrängt hatte, sorgte für Hormonschwankungen bei den sich gegenseitig in Vergessenheit gezwungenen Menschen. Nicht nur die Wolken stauten ihre Feuchtigkeit auf.
Durch einen Zufall kreuzten sich die Wege des Mannes, der in der Zwischenzeit ein chaotisches Leben gelebt hatte und der Frau, die ebenfalls eine Zeit geprägt von Suche und Orientierung verbracht hatte.
Die Begegnung war nicht vorhersehbar, geschweigedenn herbeigesehnt.
Die Rolle, die das Wetter dabei spielte, hätte jeden Zuschauer verblüffen können. Die Wolkendecke brach zusammen und ein gewaltiger Regen ergoss sich den Himmel hinab.
Zu jener Zeit war der besagte Herr ohne Regenschirm unterwegs, im Gegensatz zu ihr. Auf der Flucht vor dem Unwetter erkannte er ihren schwarzen Zigeunerrock, ohne ihr Gesicht zu sehen, das vom Regenschirm verdeckt war.
Gefühle von Geborgenheit empfand er in diesem Moment. Und wieder zogen sie sich wie Magnete an, sodass sie wie durch einen Zufall den Impuls verspürte, ihre Perspektive zu ändern und geradewegs den Fall des Regens in ihr Gesicht zu fühlen. Dieses Innehalten verschaffte dem Mann etwas Zeit, ihr näher zu kommen und sie anzusprechen. Einen gewissen vertrauten Umgang empfanden beide beim oberflächlichen Austausch über die aktuelle Situation des jeweils anderen, während ihr Schirm sie vor den einprasselnden Regentropfen schützte. Sie willigte in seine Bitte ein, ihn nach Hause zu begleiten, da das Wetter nicht nachließ und sich der starke Regen in ein heftiges Gewitter verwandelte.

Das Haus ihrer Vergangenheit betrat sie mit gemischten Gefühlen, die sich aber bald zu unsicherer Freude einkehrten. Daran waren die jüngsten und einer gewissen Rebellion durchaus nicht abgeneigten Zweige der stets achtsamen Pflanze beteiligt, die immer noch am selben Platz verweilte. Eine Kanne mit heißem Tee wärmte die vier verschiedenen Hände. Ein Lächeln erwärmte sein Herz. Eine Geste ihre Schulter. Ein Blitz schlug ein und es wurde Abend, dann Nacht, dann Morgen.

04.Ehrenpreis

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