PROSA.

Tänzerin

Die Wand war nicht das Problem.
In einem kurzen, bis zur unermesslich hohen Decke mit Wasser gefüllten Flur bewegte sich eine Akrobatin. Von eleganten bis fast schon kämpferisch starken Figuren posierte sie für das stumme Publikum. Das stetig zu verdrängende Wasser um sie herum gehorchte ihr widerstandslos.
Nach und nach erkannte man eine überspielte Anstrengung, die sich zunächst langsam und dann immer schneller steigerte.
Vielleicht wurden ihre Bewegungen hastig.
Vermutlich klopfte sie dann und wann wie in Zeitlupe gegen die schweigende Scheibe.
Möglicherweise öffnete sie ein paar Mal den Mund, als wollte sie atmen.
Wahrscheinlich schrie sie jemanden an. Oder bat um Hilfe.
Ich glaubte im Hintergrund jemanden gehört zu haben. Eine männliche Stimme. Lachend. Und versichernd, dass sie das schon durchhält. „Noch eine Weile.“

GEDANKEN.

Elite oder Niete

Reich an diesem. Arm an jenem.
Schönes Haus. Ekelhafte Worte. Kompetent im Beruf. Unfähig mit Gefühlen. Gesunde Leistungen. Kranke Freundschaften. Intelligent wie ein Roboter. Stumpf wie die Leere in jeder deiner Gesten. Weiß, Schwarz, Weiß, Schwarz.
Erlernte Professionalität. Aufgesetzte Maske.
Wo ist das wahre Ich? Wer bist du dahinter? Wie bist du? Wie fühlst du wirklich? Was interessiert dich? Was tust du, wenn die Repräsentation keine Rolle mehr spielt?

Welche Rolle könntest du niemals ablegen?

Angemessene Reaktionen. Berechenbares Verhalten.
Antrainierte Blicke, Gesten, Lächeln, Worte.
Funktionieren in einer Gesellschaft. Geschafft – es läuft.
Massen-Ware-Massen-Menschen.
Mich interssiert, wer ihr wirklich seid. Hinter der Fassade.
Floskeln. Smalltalk. Trivialgespräche – das zivilisierte Leben erhaltend.
Auf der anderen Seite: Bilder von Künstlern mit einem Fünkchen mehr Echtheit. Eine Spur gehaltvoller als das tägliche Geschwätz einer Person, die sich elitär fühlt.

Doch warum kommunizieren Leute in verschiedenen Meta-Sprachen?
Und ich frage mich selbst, wie ich dazu stehe: Ist es Verachtung oder ist es Neid? Will ich die Sprache der Elite beherrschen?

PROSA.

Sein Werkzeug

Schnell, scharf und schmutzig – so war sein Verstand.
Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Im Kreis des Grauens. Bishin zu völliger Orientierungslosigkeit wand er sich in seinen Windungen, die wie Wind in seinen Ohren verstaubten und dann zerfielen wie Marmelade, die zu flüssig war. Aber immerhin ging das Gehör nicht kaputt von den lauten Ideen, die er immer und immer wieder innerlich vor sich her sagte. Seltsamerweise knickte er ein, sobald er aufwachte und sich streckte. Niemals dachte er daran, zu leben. Er starb einfach. Natürlich machte ihm das Sterben nichts weiter aus – es gehörte zum Leben dazu. Aber manchmal beschlich ihm der Gedanke, dass er doch einmal versuchen sollte zu leben, ohne dabei immer zu sterben. Denn: Er war noch jung und wollte eigentlich so sein wie andere Menschwesen. Er war ein Tierwesen im menschlichen Körper mit Tierseele, aber menschlich-göttlichen Gedanken. Ab und zu vergaß er zu atmen. Wenn er die Augen schloss jedoch, hauchte ihm jemand (wahrscheinlich eine Ameise) den Atem wieder ein und er war plötzlich lebendig.
Lebendig!
So lebendig, dass er es sogar schaffte, den Müll herunter zu bringen. Gelegentlich hörte er die Stimme des Rumpelstilzchens, das im ständig seinen Namen verriet. Doch er wollte das gar nicht wissen. Es war verboten. Verboten war auch das öffentliche Nachdenken. Zumindest für ihn. Er durfte das nicht. Er durfte nicht dies und er durfte nicht das, denn hin und wieder rutschte er aus auf seinen gedanklichen Konstrukten, wie auf einer Bananenschale. Nur, um sie dann aufzuheben und zu verschlingen. Aber dann und wann nahm er sie auch nur und setze sie sich als Kopfbedeckung auf den Kopf. Wieso nicht?
Eines Morgens stieg er aus dem Bett und sah sein zerknicktes Spiegelbild. Es sah fürchterlich schön aus. Er sah ein Menschwesen mit Katzenaugen und Salamanderhaut. Außerdem hatte er Pferdehaare und einen langen Rüssel. Ausgesprochen gut gefiel ihm auch die Bärenkralle, mit der er eine rote Linie auf seinen Unterarm zeichnete. Dann leckte er daran und schmeckte roten, bitteren Sirup. Eigentlich brauchte er das alles gar nicht. Aber er wollte es. Er wolllte es, weil er nämlich schlau war. Doch schlimm war seine Angst vor dem einsamen Rechnen in den Synapsen seiner hinter Türen verschlossenen spinnennetzartigen Gehäusen. Dort war er zu Hause und sonst nirgends. Nur dort, in der hintersten Schublade seiner Gedanken.
Alle wussten Bescheid über ihn und in Wirklichkeit wussten sie nichts. Nur er wusste. Er wusste alles. Er wusste zum Beispiel, dass durch die Adern der Blätter auf den Bäumen derselbe seltame rote Sirup fließt, wie durch die Adern in seinem anthropomorphen Kabinettschrank. Und er wusste, dass das Innere von Walnüssen aus denselben Substanzen bestand, wie die graue Masse, die sich in seinem Eierschädel befand. Des Öfteren philosophierte er auch über den Zusammenhang zwischen Tornados und Haarwirbeln. Aber meistens, wenn ihm nichts besseres einfiel, bewegte er die Bärenkralle in Richtung Norden, um sie dann wieder südlich auszurichten und umgekehrt. Immer so weiter. Des Weiteren verbrachte er seine Zeit damit, Zeichnungen von merkwürdigen Mischwesen anzufertigen, die angeblich seine Familie darstellen sollen.
Nachdem er seine Kinderkleidung angelegt hatte, stand er ziemlich gut und ging waagerecht auf den Kühlschrank zu, um einen Schokoladenkuchen mit flüssigem Kern zu vernaschen. Dies tat ihm richtig gut. Er fühlte sich leer und doch voll zugleich, denn das Gefühl des Ausgesaugtwerdens wich und an dessen Stelle trat ein wohliges Empfinden der Entspanntheit und zur selben Zeit eine bestimmte Erschöpfung, die ihm eigen war, immer, wenn er das Prinzip des Vernaschens wahrnahm. Manchmal vernaschte er auch Tiere. Er war im Übrigen Vegetarier.
Er putzte sich die scharfen Eckzähne mit Schmirgelpapier und blickte abermals in den Spiegel. Diesmal sah er ein Raubtier, das seine Zähne fletschte. Er war bereit.
Draußen war es kalt und schwühl. Zumindest empfand er das so. Was er noch empfand, war ein Stechen im Magen, denn er war nüchtern und sollte sich schleunigst eine Flasche Rotwein kaufen, um nicht vom Fleisch zu fallen. Gelassen und doch innerlich unruhig ging er schnellen Schrittes auf den geschlossenen Supermakt zu. Es war Sonntag.
Was er niemas zu Tage förderte, war eine Arbeit, die ihn erfüllte, geschweigedenn, von der er leben konnte. Ebenfalls brachte er es nicht fertig, überhaupt einmal etwas Sinnvolles zu tun. Sowieso tat er kaum etwas anderes, als in seinem Gehirn herum zu wühlen und Dinge heraus zu kramen, um sie dann an einen anderen Ort zu tun und dann wieder Dinge zu verbinden, die ganz und gar nicht zusammen passten – aber das war sein Stil. Man mochte es ihm übel nehmen – aber das war sein Stil. Und er hatte Stil.
Als er merkte, dass es aussichtslos war, in das verschlossene Geschäft einzubrechen, holte er eine Zigarre aus seiner intimsten Hosentasche hervor und blubberte so vor sich hin. Dies war sehr stilvoll. Zudem pflegte er stets eine Hand in der Jackentasche zu verstecken, während er in der Großstadt herum irrte. Das war auch sehr stilvoll.
Nachdem er also resigniert und ohne Alkohol in einer dunklen Gasse verschwand, besorgte er sich eine Frau, mit der sprechen wollte. Er fragte nach dem Weg zu einem Brunnen, um jünger zu werden. Die Frau schien zu wissen, was er meinte und verwies ihn in Richtung Osten, denn dort bekam er Hilfe. Er freute sich und tauchte ab. Allerdings war alles, was er vorfand, ein großes Gebäude, das die Aufschrift Hexenwerk trug. In seinen Augen war das kein Brunnen, sondern eine Anstalt, wo Hexen gezüchtigt werden. Er war eine Hexe, also wollte er dort schon einmal nicht hin. Wahrscheinlich hatte die arme Frau etwas verwechselt und er musste nach Westen. Dort angekommen, fragte er ein 10- jähriges Kind nach dem Weg zum magischen Brunnen. Es winkte ihn zu sich und die beiden rannten zusammen zu dem des Kindes Elternhaus. Die Tür stand offen und es war niemand zu Hause. Bis auf das Aquarium. Dies war der Schlüssel zur Unsterblichkeit, sagte das Kind. Er jedoch traute der Sache noch nicht vollkommen und holte zunächst einmal ein Sieb, um die Fische heraus zu sieben. Dies gelang ihm spielerisch leicht. Anschließend nahm er einen Strohalm und zog daran. Er merkte wie er plötzlich keine Luft mehr bekam. Aber das machte ihm nichts aus. Er ertrug es mit Wohlwollen. Auf einmal aber spuckte er einen kleinen Wels aus und nahm ihn mit nach Hause. Dort legte er ihn auf auf seine Fensterbank und beobachtete wie eine Eule geflogen kam und den Wels an sich nahm. Er dachte noch: „Die muss ihn ganz schön lieb haben, dass sie ihn mir wegnimmt“. Aber dann überlegte er, dass sie das mit Absicht tat, um ihn zu ärgern. Denn das Geuhue verriet ihm, dass sie ihn nicht leiden konnte. Er beschloss kurzerhand das Vieh telepathisch zu kontaktieren, um es zur Rede zu stellen. Also rief er es an und sagte, dass es in Zukunft gefälligst seine Eier woanders ausbrüten kann – nicht mehr vor seiner Duschkabine und vor allen Dingen wird er seine alte Steinschleuder hervorholen und immer auf es zielen, wenn es es auch nur wagen würde, auch nur einen Millimeter in seine Richtung zu fliegen. All dies sendete er ihm mit einem sanft telepathisch anstößigem Tonfall zu, sodass es sich einfach fernhalten musste.
Es war Abend geworden und er ging ohne Wein, ohne richtiges Verjüngungswasser und mit einer Menge grober, vager und unheimlicher Gedanken zu Bett.
Sein erster Traum war recht durchschaubar, denn zuerst besann er sich während des Schlafes der armen Frau, die ihm Auskunft über den Brunnen gab. Sie sah aus wie eine Hexe, deren Nase so krumm wie ein eckiger Apfel war und die hinkte wie ein Marathonläufer. Sie verzauberte ihn, sodass er als Wels mit roten Punkten in einer Flasche Rotwein herum rannte. Davon wachte er schweißgebadet auf und trank einen Schluck saure Milch. Danach ging es ihm gleich viel besser.
Der nächste Traum raubte ihm glatt den Verstand: Er befand sich an einem Brunnen, der nur so von Worten sprudelte. Zum Beispiel flossen da die Buchstabenzusammehänge „Falschrumheit“, „Tiefenstauung“ oder auch „Unechtschaft“. Er rätselte im Traum, was auch immer das bedeuten möge, aber hielt sich nicht länger daran auf, sondern blickte in eine andere Richtung, wo er eine Eule fliegen sah, die zu ihm sprach. Sie sagte, dass der Wels gut geschmeckt hat und bedankte sich ironisch bei ihm. Dies ärgerte ihn so sehr, dass er ihr den kleinen Finger zeigte und sich wieder dem Brunnen der ewigen Jugend zuwandte. Er erreichte sein Spiegelbild und nötigte es, ihm Antworten zu geben. Es sagte nichts, als dass er in Richtung Osten gehen müsse. Dies machte ihn so wütend, dass er es bespuckte und gleichzeitig, einen Buchstaben in seinem linken Auge spürte. Es war ein „Z“. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass das das Ende bedeutete. Das Ende für ihn, das Ende der Welt und das Ende aller Existenzen. Er bekam Furcht vor der Wucht dieses Einfalls. Und er weinte in den Brunnen der Verjüngung. Plötzlich wuchsen ihm Bart, Nägel und er schrumpfte zusammen. Vor Erschöpfung fiel er zu Boden und war tot.
Sein eigener stummer Todesschrei weckte ihn auf.
Er sagte sich selbst, dass es aufhören musste. Diese Alpträume, diese Visionen.
Am nächsten Morgen verirrte er sich auf einer Landstraße, nachdem er nackt und ohne Gepäck eine Wanderung aufgenommen hatte. Er suchte verzweifelt nach dem ersehnten Brunnen, fand stattdessen jedoch nur eine kleine Pfütze, aus der gerade ein graues Eichhörnchen trank. Die Zeichen sprachen für sich. Er stand am Abgrund. Das Eichhörnchen war ein Symbol des Untergangs. Die Farbe grau verriet, dass alles zusammen gemischt wird, jedes Ding löst sich in seine Bestandteile auf und verbindet sich mit jedem anderen Ding. Dann gibt es nichts mehr als eine immense graue Masse, in dem alles und zugleich nichts enthalten ist. Das machte ihm große Angst. Er versuchte, dieser Angst zu entkommen, indem er selbst von der Pfütze trank – das musste ihm helfen!
Aber das Gegenteil war der Fall: Sein Magen beschloss sich zu wenden und er transportierte eine gelb-grüne ekelhafte Flüssigkeit aus seinem Hals und fiel geradewohl hinein. Er hatte noch so viel Bewusstsein, dass er grelle, bläuliche Lichter auf sich zu kommen sah und dann wurde es nur noch schwarz und er schlief ein.
Als er wach wurde, fand er sich in einem hellen, weißen Raum wieder, in dem Orchideen standen. Er betrachtete diese flüchtig und sah darin eine fleischfressende Pflanze, die ihn bedrohlich anstarrte. Sie wollte ihn auffressen – dessen war er sich sicher. Das Maul der Raubpflanze weitete sich ungemein. Die scharfen Zähne blitzten im lichtdurchfluteten Zimmer und dann konnte er nur noch Schwärze ausmachen. Der Schmerz hallte ihn seinem Gehirn und Sirup lief ihm den Hals hinunter. Dann versuchte er, seine Augen zu öffnen – doch was war mit ihm geschehen? Er hatte keine Augen mehr. Er versuchte zu schreien – doch was war mit ihm passiert? Er hatte keinen Mund mehr. Er versuchte, wegzurennen – doch es gelang ihm nicht. Er war wie gelähmt. Er spürte wie jede einzelne Pore seines Körpers zerlegt wurde und an einen anderen Ort gelang – einen Ort außerhalb seines Körpers. Nicht mehr ganz war er, sondern zerstückelt. Er wurde aufgefressen. Eine einzelne Wimper teilte sich in exakt 796 Teile, glitt den feuerroten Rachen der Mörderpflanze hinunter und verschwand. Ward nie mehr gefunden. Seine Nase rannte ihr nach, doch es war hoffnungslos, denn diese rutschte auch den dicken Hals hinab. Seinen Ohren blühte dasselbe Schicksal, eins nach dem anderen. Zuerst hörte er laute klassische Folklore, dann Trompetengeschrei und zuletzt Applaus. Dieser galt ihm. Ihm allein. Es blubberten bunte Sternchen aus dem Maul des Gewächses, die eine Straße bildeten – die Milchstraße. Seine Finger wanderten dort entlang und hatten großen Spaß dabei. Die Blume schloss ihr Maul, während er so vor sich hin schmolz.
Er zerfloss förmlich.
Von einer Sekunde auf die andere bemerkte er ein spitzes Stechen in seinem Hinterteil. Mit einem Schlag wurden seine Augen wieder zurück in die Höhlen gepfeffert. Die Wimper setzte sich wieder zusammen und wurde an den Kranz gepappt. Seine Nase wurde nachlässig mitten ins Gesicht gesteckt und verlor Flüssigkeit, roten Sirup. Ebenso die Ohren. Diese wurden allerdings – tränentropfend – festgenäht. Aus allen Körperöffnungen floss in Wasserfällen liebesroter Sirup. Als sich diese wieder einigermaßen beruhigt hatten, öffnete er langsam die Augen. In der Ecke neben dem Bett war ein kleiner Spiegel über einem Waschbecken angebracht. Er stolperte dorthin, um sich seines Äußeren bewusst zu werden. Er erschrak ungeheuer, als er sein Spiegelbild erblickte. Er sah ein kreidebleiches Mann-Menschwesen mit einem Stück gemusterten Stoff um den Leib und Schläuchen, die aus den unmöglichsten Öffnungen herauskamen. Dieser Anblick schockierte ihn so sehr (besonders die Schläuche), dass er sein Werkzeug verlor. Er fiel zu Boden. Ein Totenkopfäffchen wandte sich ihm zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dies bekam er nur durch Umwege mit. Die Worte mussten zuerst ein Labyrinth durchlaufen, um zum Kern zu gelangen. Auf diesem Weg begegneten sie dem Zweifel. Er sagte, dass die einzige Möglichkeit aus dem Labyrith zu kommen, der sichere Tod durch das Ersticken der Keime und das Herausziehen aller Schläuche sei. Die Worte ignorierten es und gingen weiter. Als nächstes trafen sie die Rationalität, welche zu ihnen sehr vorsichtig sprach und kund gab, dass man nur den Satz des Pythagoras anwenden müsse, um die Gleichung von a² + b² = c² zu lösen, um schließlich die Lösung, also den Ausgang des Labyrinths zu finden. Die Worte behielten dies im Hinterkopf, jedoch wussten sie insgeheim, dass es auch einen anderen Weg zum Werkzeug geben musste. Nach einer Weile lief ihnen die Melancholie über den Weg. Sie beklagte sich über einen Mangel nährenden Schadstoffe und giftigen Tränensäcken. Auch sie ließen die Worte bald zurück in ihrem Leid, denn sie konnten nichts anderes dazu sagen, als das, was sie eben waren. Und diese Nachricht war für das Werkzeug bestimmt. Sie irrten noch ein wenig umher, bis sie schließlich auf den Pessimismus stießen. Dieser wusste sofort, was los war und riss die Buchstaben kurzerhand auseinander, sodass die Nachricht zerstört war.
Das Äffchen hoppelte davon, als wäre nichts gewesen.
Er bildete sich ein, sehr schwach, wie durch hundert Wände, eine Stimme zu hören, die „Es ist ein Kind!“ schrie, bevor sein Werkzeug, ohne jegliche Verabschiedung, verschwand und niemals wiederkehrte.

Das Licht war schwarz
Das Licht wurd‘ weiß
Badete im Himmel.
Das Licht war schwarz
Das Licht wurd‘ weiß
Sendete die Freiheit.
Das Licht war schwarz
Das Licht wurd‘ weiß
Liebkoste den Vater.

LYRIK.

Racherituale

Tränensäcke
Immerzu so schwer

Dornentränen
Fließen langsam
In Ecken
Auf meinem Körper
Hin und her
Hinterlassen ihre Spuren
Rot und blutig
Kalt
Wie deine Augen
Doch lange nicht so leer

Dornensäcke
Greif mir einen
Greif mir mehr
Denn eines Tages
Reift der Dorn
Zu einem Speer

LYRIK.

WEITBLICK

Im Alter des Waldes
Kein digitales Like-Klick
Enge & Staub im Wir, im Hier
Alles richtig dreckig
Es lösen sich die Knoten
Meine Augen, viel weniger eckig
Eine Stimme im Zwischen
Wiederholt noch immer: Sick Sick

LYRIK.

La Isla de las Muñecas

Höre meine Vernunft
Gib mir ein unsterbliches Lächeln
Bevor mein letzter Atemzug im Meer versinkt
Meine Wünsche sind im Wind verstreut
Und keiner sucht mich mehr

Gehorche meiner Vernunft
Ziehe dahin, ziehe weg
Frag nicht mich, warum

Für einen Moment fühlte ich die Ewigkeit
Dann wusste ich:
Es war nur ein langer Augenblick

Zwischen hier und dort
Wie konnte mich das Leben loslassen, fallen lassen,
Ziehen lassen

Ich konnte nicht gehen
Ich konnte mich nicht gehen lassen

Das nächste Mal fange ich anders an
Ich gehe mit dem Leben
Ziehe mit den Kreisen
Verursacht durch einen Tropfen
Auf der Meeresoberfläche
Lege mich zu Boden
Sachte in die Erde

Und am Morgen werden die Gesichter
Eurer vielen Puppen strahlen
In einem Lächeln, das unsterblich ist

GEDANKEN.

CORONA

Resistenz-Gedanken

Es zwingt uns in die Auszeit
Wir schweben in einem Tal
Beginnend zu lernen
Wie es ist
Ohne Luft zu atmen
Eine Blase aus Selbst
Ein Schnitt mit der Außenwelt
Und es geht weiter
Im Stillen
Wo es anfängt zu brodeln
Vor Sehnsucht
Nach Leben
Eine Spannung
Getrieben
Von Enge

Auf die verzweifelte Hoffnung
Kein Stein im Spiel zu sein
Sich Teil des Dominos nennen zu müssen
Und stets
Der Versuch einer hartnäckigen Illusion
Auf unantastbares Leben
Folgt
Verrennen in einer Not
Geprägt von Ängsten

Die Existenz eines Virus‘
Als Spiegel für das Sein des Menschen
Unzerbrechlich?

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Mit: Stefan Seffrin