DRAMA.

Schutzbrillen im Gespräch

A: Fragen Sie mich nichts mehr. Ich reagiere allergisch auf erwartungsvolle Augen. Man bräuchte eine Brille, die die Augen des Gegenübers ausblendet oder schwärzt. Ja, das wäre eine wundervolle und sorgenfressende Erfindung für die Menschheit. Vielleicht noch ein paar Glitzerperlen an den Rand des Brillengestells und fertig ist der neue Trend.
Wieso sollte man sich ständig dem unsichtbaren Aussagestrom seines Gesprächspartners aussetzen, wenn man ihn auch abstellen könnte?

B: Eine ausgezeichnete Idee, wie ich finde. Ihnen gebührt mein voller Respekt. Wie immer.

A: Sie müssen mir nicht nach dem Mund reden. Es reicht, wenn Sie Ja oder Amen sagen. Dann weiß ich Bescheid und Sie müssen sich nicht allzu sehr anstrengen, mir irgendwo hinzukriechen.
Also zurück zur Technologie. Wahrscheinlich ergibt es wenig Sinn, die Augen schwarz erscheinen zu lassen. Man sähe sowieso noch die Bewegung und die Blickrichtung. Das wäre schon zu viel der Preisgabe.
Nebenbei gesagt bin ich dafür, dass das Tragen der Brille auf Gegenseitigkeit beruhen sollte. Von mir aus können Liebespaare ohne Schutz Blickverkehr betreiben, aber ich schätze, es würde jeder nicht-intimen Beziehung gut tun, den Blickkontakt zu unterlassen.
Man denke nur an die weiten Felder des menschlichen Verstandes, die sich dermaßen ausweiten würden, dass die Ratio nicht mehr durch die soziale Komponente eingeschränkt ist.
Aber wie auch immer die Zukunft damit aussehen mag, kümmern wir uns erst einmal um die Konstruktion des Modells.

B: Ich muss mich entschuldigen. Ich bin irgendwie überfordert von Ihren Gedanken.

DRAMA.

Veräppelungsstrategien in der Messenger-Kommunikation

Regie:
Frau mit Krawatte und Anzug steht vor einem Whiteboard mit Stift in der Hand.

Frau:
Herzlich Willkommen, meine sehr verehrten Damen und Herren.
Heute greife ich wieder, exklusiv für Sie – ganz tief – in die Trickkiste der Chatroom-Veräppelungsstrategien.
Jeder von uns kennt das traurige Gefühl, wenn man nach einem zunächst lebhaften Chatverlauf plötzlich keine Antwort mehr erhält – aus heiterem Himmel. Ohne einen logisch nachvollziehbaren Erklärungsansatz dafür finden zu können, fragt man sich dann meist noch wochenlang nach dem überraschenden Ereignis: Worin besteht eigentlich der Sinn dieser grausamen Ignoranz?
Nun, meine sehr verehrten Zuschauer: Auch ich kann Ihnen keine Antwort auf diese legitime Frage geben. Jedoch kann ich Ihnen beibringen, wie Sie dieses Verfahren selbst anwenden können, falls es Ihnen bedauerlicherweise viel zu leicht fallen sollte, einen bestehenden Kontakt aufrecht zu erhalten:
Zunächst einmal benötigen Sie hierzu ein geeignetes Soziales Netzwerk, beispielsweise Facebook.

Regie:
Mensch mit Smartphone ist zu sehen. Die Person klappt das Handy auf. Checkt ihre Facebook-Nachrichten, klappt es zu und wieder auf, checkt wieder Nachrichten. Insgesamt drei Wiederholungen mit steigernder Mimik. Enttäuschung und Sucht kommen zum Ausdruck. Lächerlich wichtig nimmt sie es.

Frau:
Nachdem Sie nun lange genug auf eine Nachricht von einer Ihnen weniger nahestehenden Person gewartet und ebendiese dann doch endlich irgendwann empfangen haben, greifen Sie also seelenruhig und gefasst zu Ihrem Smartphone.

Regie:
Mensch greift zu, wie besessen.

Frau:
Als nächstes lesen Sie die Nachricht der Ihr bekannten Person und stufen erstere als eine unwichtige Nachricht ein. Dies tun Sie mit einem Stolz und einer Erhabenheit, die Sie von Ihrem schlechten Gewissen befreien, jemanden eiskalt zu ignorieren.

Regie:
Mensch liest Nachricht, nickt und legt Handy weg.

Frau:
Nachdem Sie nun diesen ersten Schritt zur Vorbereitung der „Ghostingmethode“ getan haben, folgt der nächste:
Verbinden Sie sich nun sowohl Augen als auch Ohren und nehmen Sie ein Stück Obst in den Mund, zum Beispiel eine Orange.

Regie:
Mensch tut dies.

Frau:
Somit können Sie nun weder eine Vibration noch einen Klingelton ihres Smartphones hören, noch das Erscheinen einer Pushnachricht sehen, noch sonstigen Kontakt mit der Außenwelt aufnehmen.

Regie:
Mensch liegt in dieser Aufmachung im Bett.
Frau leitet mit einer aufgesetzten Handbewegung das Schlusswort ein.

Frau:
Ein herzliches Dankeschön fürs Zuschauen – Ich hoffe, der Beitrag hat Ihnen gefallen – Abonnieren Sie gerne meinen Kanal, meinen Newsletter und den Instagram-Kanal meiner Katze – Bleiben Sie gesund und munter – Auf ein nächstes Mal, wenn es wieder heißt: „Unsozial auf Social Media – auch DU schaffst es!“

PROSA.

Option

Sie dachte, es ginge nicht ohne. Dann verschwand es, tauchte ab, war weg. Der Freiheit wurde ein Weg eröffnet. Für einen kurzen Moment erschien ein Portal, durch das sie hätte gehen können. Doch sie zögerte, blickte immer wieder zurück. Sie verstand nicht, was es bedeutete. Es war eine Chance, die sie sich nicht zu ergreifen traute.
Irgendwann war alles wieder beim Alten. Erst dann – in einem stillen Augenblick – sah sie ein, dass sie etwas verpasst hatte. Es war zu spät. Aus eigener Kraft fühlte sie sich dem beschwerlichen Weg hinaus nicht gewachsen. Das Portal war eine willkommene Gelegenheit, zu fliehen. Zu ent-fliehen. Diese Erkenntnis jedoch kam zum falschen Zeitpunkt. Würde sich jemals wieder eine derartige Möglichkeit ergeben?
Sie wusste es nicht und es interessierte sie auch nicht mehr, denn ihr Gedankensumpf sog sie ein. Weltenschwer versank sie darin und bemerkte nicht einmal den Unterschied.

LYRIK.

Du bist hässlich

Du kannst eine perfekte Figur haben
Du bist trotzdem hässlich
Dich will doch niemand anschauen

Du magst wunderschöne Brüste haben
Das Wort „attraktiv“ verdienst du trotzdem nicht
Weder Mann noch Frau will dich
Nicht einmal du selbst dich

Du hast blonde, lange Haare
Dennoch strahlst du nicht
Bist einfach trotzdem hässlich

Von mir aus
Hast du sogar ein hübsches Lächeln
Mit charmanten Grübchen im Gesicht
Doch das macht dich auch nicht besser

Du bist hässlich
Du bist so ekelhaft
Widerwärtig
Abgrundtief
Einfach nur POTTHÄSSLICH

Denn du verachtest Menschen
– Ihn
– Sie
– Mich
Und es werden immer mehr!

PROSA.

Tänzerin

Die Wand war nicht das Problem.
In einem kurzen, bis zur unermesslich hohen Decke mit Wasser gefüllten Flur bewegte sich eine Akrobatin. Von eleganten bis fast schon kämpferisch starken Figuren posierte sie für das stumme Publikum. Das stetig zu verdrängende Wasser um sie herum gehorchte ihr widerstandslos.
Nach und nach erkannte man eine überspielte Anstrengung, die sich zunächst langsam und dann immer schneller steigerte.
Vielleicht wurden ihre Bewegungen hastig.
Vermutlich klopfte sie dann und wann wie in Zeitlupe gegen die schweigende Scheibe.
Möglicherweise öffnete sie ein paar Mal den Mund, als wollte sie atmen.
Wahrscheinlich schrie sie jemanden an. Oder bat um Hilfe.
Ich glaubte im Hintergrund jemanden gehört zu haben. Eine männliche Stimme. Lachend. Und versichernd, dass sie das schon durchhält. „Noch eine Weile.“

GEDANKEN.

Elite oder Niete

Reich an diesem. Arm an jenem.
Schönes Haus. Ekelhafte Worte. Kompetent im Beruf. Unfähig mit Gefühlen. Gesunde Leistungen. Kranke Freundschaften. Intelligent wie ein Roboter. Stumpf wie die Leere in jeder deiner Gesten. Weiß, Schwarz, Weiß, Schwarz.
Erlernte Professionalität. Aufgesetzte Maske.
Wo ist das wahre Ich? Wer bist du dahinter? Wie bist du? Wie fühlst du wirklich? Was interessiert dich? Was tust du, wenn die Repräsentation nach außen keine Rolle mehr spielt?

Welche Rolle könntest du niemals ablegen?

Angemessene Reaktionen. Berechenbares Verhalten.
Antrainierte Blicke, Gesten, Lächeln, Worte.
Funktionieren in einer Gesellschaft. Geschafft – es läuft.
Massen-Ware-Massen-Menschen.
Mich interessiert, wer ihr wirklich seid. Hinter der Fassade.
Floskeln. Smalltalk. Trivialgespräche – das zivilisierte Leben erhaltend.
Auf der anderen Seite: Bilder von Künstlern mit einem Fünkchen mehr Echtheit. Eine Spur gehaltvoller als das tägliche Geschwätz einer Person, die sich elitär fühlt.

Doch warum kommunizieren Leute in verschiedenen Meta-Sprachen?
Und ich frage mich selbst, wie ich dazu stehe: Ist es Verachtung oder ist es Neid? Will ich die Sprache der Elite beherrschen?

PROSA.

Sein Werkzeug

Schnell, scharf und schmutzig – so war sein Verstand.
Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Im Kreis des Grauens. Bishin zu völliger Orientierungslosigkeit wand er sich in seinen Windungen, die wie Wind in seinen Ohren verstaubten und dann zerfielen wie Marmelade, die zu flüssig war. Aber immerhin ging das Gehör nicht kaputt von den lauten Ideen, die er immer und immer wieder innerlich vor sich her sagte. Seltsamerweise knickte er ein, sobald er aufwachte und sich streckte. Niemals dachte er daran, zu leben. Er starb einfach. Natürlich machte ihm das Sterben nichts weiter aus – es gehörte zum Leben dazu. Aber manchmal beschlich ihn der Gedanke, dass er doch einmal versuchen sollte zu leben, ohne dabei immer zu sterben. Denn: Er war noch jung und wollte eigentlich so sein wie andere Menschwesen. Er war ein Tierwesen im menschlichen Körper mit Tierseele, aber menschlich-göttlichen Gedanken. Ab und zu vergaß er zu atmen. Wenn er jedoch die Augen schloss, hauchte ihm jemand (wahrscheinlich eine Ameise) den Atem wieder ein und er war plötzlich lebendig.
Lebendig!
So lebendig, dass er es sogar schaffte, den Müll herunter zu bringen. Gelegentlich hörte er die Stimme des Rumpelstilzchens, das im ständig seinen Namen verriet. Doch er wollte das gar nicht wissen. Es war verboten. Verboten war im Übrigen auch das öffentliche Nachdenken. Zumindest für ihn. Er durfte das nicht. Er durfte nicht dies und er durfte nicht das, denn hin und wieder rutschte er aus auf seinen gedanklichen Konstrukten, wie auf einer Bananenschale. Nur, um sie dann aufzuheben und zu verschlingen. Aber dann und wann nahm er sie auch nur und setze sie sich als Kopfbedeckung auf den Kopf. Wieso nicht?
Eines Morgens stieg er aus dem Bett und sah sein zerknicktes Spiegelbild. Es sah fürchterlich schön aus. Er sah ein Menschwesen mit Katzenaugen und Salamanderhaut. Außerdem hatte er Pferdehaare und einen langen Rüssel. Ausgesprochen gut gefiel ihm auch die Bärenkralle, mit der er eine rote Linie auf seinen Unterarm zeichnete. Dann leckte er daran und schmeckte roten, bitteren Sirup. Eigentlich brauchte er das alles gar nicht. Aber er wollte es. Genauso wollte er es, weil er nämlich insgeheim richtig schlau war. Doch schlimm war seine Angst vor dem einsamen Rechnen in den Synapsen seiner hinter Türen verschlossenen spinnennetzartigen Gehäusen. Dort war er zu Hause und sonst nirgends. Nur dort, in der hintersten Schublade seiner Gedanken.
Alle wussten Bescheid über ihn und in Wirklichkeit wussten sie nichts. Nur er wusste zum Beispiel, dass durch die Adern der Blätter auf den Bäumen derselbe seltsame rote Sirup fließt, wie durch die Adern in seinem anthropomorphen Kabinettschrank. Und er wusste, dass das Innere von Walnüssen aus derselben Substanz bestand, wie die graue Masse, die sich in seinem Eierschädel befand. Des Öfteren philosophierte er auch über den Zusammenhang zwischen Tornados und Haarwirbeln. Aber meistens, wenn ihm nichts Besseres einfiel, bewegte er die Bärenkralle in Richtung Norden, um sie dann wieder südlich auszurichten und umgekehrt. Immer so weiter. Des Weiteren verbrachte er seine Zeit damit, Zeichnungen von merkwürdigen Mischwesen anzufertigen, die angeblich seine Familie darstellen sollen.
Nachdem er seine Kinderkleidung angelegt hatte, stand er ziemlich gut und ging waagerecht auf den Kühlschrank zu, um einen Schokoladenkuchen mit flüssigem Kern zu vernaschen. Dies tat ihm richtig gut. Er fühlte sich leer und doch voll zugleich, denn das Gefühl des Ausgesaugtwerdens wich und an dessen Stelle trat ein wohliges Empfinden der Entspanntheit in Kraft. Zur selben Zeit machte sich eine bestimmte Erschöpfung, die ihm eigen war, breit. Immer, wenn er das Prinzip des Vernaschens wahrnahm. Manchmal vernaschte er auch Tiere. Er war im Übrigen Vegetarier.
Er putzte sich die scharfen Eckzähne mit Schmirgelpapier und blickte abermals in den Spiegel. Diesmal sah er ein Raubtier, das seine Zähne fletschte. Er war bereit.
Draußen war es kalt und schwühl zugleich. Zumindest empfand er das so. Was er noch fühlte, war ein Stechen im Magen, denn er war nüchtern und sollte sich schleunigst eine Flasche Rotwein kaufen, um nicht vom Fleisch zu fallen. Gelassen und doch innerlich unruhig ging er schnellen Schrittes auf den geschlossenen Supermarkt zu. Es war Sonntag.
Was er niemals zu Tage förderte, war eine Arbeit, die ihn erfüllte, geschweigedenn, von der er leben konnte. Ebenfalls brachte er es nicht fertig, überhaupt einmal etwas Sinnvolles zu tun. Sowieso tat er kaum etwas anderes, als in seinem Gehirn herum zu wühlen und Dinge heraus zu kramen, um sie dann an einen anderen Ort zu tun und dann wieder Dinge zu verbinden, die ganz und gar nicht zusammen passten – aber das war sein Stil. Man mochte es ihm übel nehmen – aber das war sein Stil. Und er hatte Stil.
Als er merkte, dass es aussichtslos war, in das verschlossene Geschäft einzubrechen, holte er eine Zigarre aus seiner intimsten Hosentasche hervor und blubberte so vor sich hin. Dies war sehr stilvoll. Zudem pflegte er stets eine Hand in der Jackentasche zu verstecken, während er in der Großstadt umher irrte. Das war auch sehr stilvoll.
Nachdem er also resigniert und ohne Alkohol in einer dunklen Gasse verschwand, besorgte er sich eine Frau, mit der er sprechen wollte. Er fragte nach dem Weg zu einem Brunnen, um jünger zu werden. Die Frau schien zu wissen, was er meinte und verwies ihn in Richtung Osten, denn dort bekam er Hilfe. Er freute sich und tauchte ab. Allerdings war alles, was er vorfand, ein großes Gebäude, das die Aufschrift „Hexenwerk“ trug. In seinen Augen war das kein Brunnen, sondern eine Anstalt, wo Hexen gezüchtigt werden. Er war eine Hexe, also wollte er dort schon einmal nicht hin. Wahrscheinlich hatte die arme Frau etwas verwechselt und er musste nach Westen. Dort angekommen, fragte er ein 10-jähriges Kind nach dem Weg zum magischen Brunnen. Das Kind winkte ihn zu sich und die beiden rannten zusammen zu dem des Kindes Elternhaus. Die Tür stand offen und es war niemand zu Hause. Bis auf das Aquarium. „Dies ist der Schlüssel zur Unsterblichkeit“, sagte das Kind. Er jedoch traute der Sache noch nicht vollkommen und holte zunächst einmal ein Sieb, um die Fische heraus zu sieben. Dies gelang ihm spielerisch leicht. Anschließend nahm er einen Strohhalm und sog daran. Er merkte, wie er plötzlich keine Luft mehr bekam. Aber das machte ihm nichts aus. Er ertrug es mit Wohlwollen. Auf einmal aber spuckte er einen kleinen Wels aus und nahm ihn mit nach Hause. Dort legte er ihn auf seine Fensterbank und beobachtete wie eine Eule geflogen kam und den Wels an sich nahm. Er dachte noch: „Die muss ihn ganz schön lieb haben, dass sie ihn mir wegnimmt“. Aber dann überlegte er, dass sie das mit Absicht tat, um ihn zu ärgern. Denn das eulentypische Geuhue verriet ihm, dass sie ihn nicht leiden konnte. Er beschloss kurzerhand das Vieh telepathisch zu kontaktieren, um es zur Rede zu stellen. Also rief er es an und sagte, dass es in Zukunft gefälligst seine Eier woanders ausbrüten könnte – nicht mehr am Fenster vor seiner Duschkabine. Vor allen Dingen würde er seine alte Steinschleuder hervorholen und immer auf das Vieh zielen, wenn das Vieh es auch nur wagen würde, auch nur einen Millimeter in seine Richtung zu fliegen. All dies sendete er dem Vieh mit einem telepathisch sanft anstößigen Tonfall zu, sodass es sich einfach fernhalten musste.
Es war Abend geworden und er ging ohne Wein, ohne richtiges Verjüngungswasser und mit einer Menge grober, vager und unheimlicher Gedanken zu Bett.
Sein erster Traum war recht durchschaubar, denn zuerst besann er sich während des Schlafes der armen Frau, die ihm Auskunft über den Brunnen gab. Sie sah aus wie eine Hexe, deren Nase so krumm wie ein eckiger Apfel war und die hinkte wie ein falscher Marathonläufer. Sie verzauberte ihn, sodass er als Wels mit roten Punkten in einer Flasche Rotwein herum rannte. Davon wachte er schweißgebadet auf und trank einen Schluck saure Milch. Danach ging es ihm gleich viel besser.
Der nächste Traum raubte ihm glatt den Verstand: Er befand sich an einem Brunnen, der nur so von Worten sprudelte. Zum Beispiel flossen da die Buchstabenzusammenhänge „Falschrumheit“, „Tiefenstauung“ oder auch „Unechtschaft“. Er rätselte im Traum, was auch immer das bedeuten möge, aber hielt sich nicht länger daran auf, sondern blickte in eine andere Richtung, wo er eine Eule fliegen sah, die zu ihm sprach. Sie sagte, dass der Wels gut geschmeckt hat und bedankte sich ironisch bei ihm. Dies ärgerte ihn so sehr, dass er ihr den kleinen Finger zeigte und sich gleich darauf wieder dem Brunnen der ewigen Jugend zuwendete. Er erreichte sein Spiegelbild und nötigte es dazu, ihm Antworten zu geben. Das Spiegelbild sagte nichts, als dass er in Richtung Osten gehen müsse. Dies machte ihn so wütend, dass er das Bild bespuckte und gleichzeitig einen Buchstaben in seinem linken Auge spürte. Es war ein „Z“. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass das das Ende bedeutete. Das Ende für ihn, das Ende der Welt und das Ende aller Existenzen. Er bekam Furcht vor der Wucht dieses Einfalls. Und er weinte in den Brunnen der Verjüngung. Plötzlich wuchsen ihm Bart, Nägel und er schrumpfte zusammen. Vor Erschöpfung fiel er zu Boden und war sozusagen tot.
Sein eigener stummer Todesschrei weckte ihn auf.
Er sagte sich selbst, dass es aufhören musste. Diese Alpträume, diese Visionen.
Am nächsten Morgen verirrte er sich auf einer Landstraße, nachdem er nackt und ohne Gepäck eine Wanderung aufgenommen hatte. Er suchte verzweifelt nach dem ersehnten Brunnen, fand stattdessen jedoch nur eine kleine Pfütze, aus der gerade ein graues Eichhörnchen trank. Die Zeichen sprachen für sich. Er stand am Abgrund. Das Eichhörnchen war ein Symbol des Untergangs. Die Farbe grau verriet, dass alles zusammen gemischt wird. Jedes Ding löst sich in seine Bestandteile auf und verbindet sich mit jedem anderen Ding. Dann gibt es nichts mehr als eine immense graue Masse, in dem alles und zugleich nichts enthalten ist. Das machte ihm große Angst. Er versuchte, dieser Angst zu entkommen, indem er selbst von der Pfütze trank – das musste ihm helfen!
Aber das Gegenteil war der Fall: Sein Magen beschloss sich zu wenden und er transportierte eine gelb-grüne, ekelhafte Flüssigkeit aus seinem Hals und fiel geradewegs hinein. Er hatte noch so viel Bewusstsein, dass er grelle, bläuliche Lichter auf sich zukommen sah und dann wurde es nur noch schwarz und er schlief ein.
Als er wach wurde, fand er sich in einem hellen, weißen Raum wieder, in dem Orchideen standen. Er betrachtete diese flüchtig und sah darin eine fleischfressende Pflanze, die ihn bedrohlich anstarrte. Sie wollte ihn auffressen – dessen war er sich sicher. Das Maul der Raubpflanze weitete sich ungemein. Die scharfen Zähne blitzten im lichtdurchfluteten Zimmer und dann konnte er nur noch Schwärze ausmachen. Der Schmerz hallte in seinem Gehirn und Sirup lief ihm den Hals hinunter. Dann versuchte er, seine Augen zu öffnen – doch was war mit ihm geschehen? Er hatte keine Augen mehr. Er versuchte zu schreien – doch was war mit ihm passiert? Er hatte keinen Mund mehr. Er versuchte, wegzurennen – doch es gelang ihm nicht. Er war wie gelähmt. Er spürte wie jede einzelne Pore seines Körpers zerlegt wurde und an einen anderen Ort gelang – an einen Ort außerhalb seines Körpers. Nicht mehr ganz war er, sondern zerstückelt. Er wurde aufgefressen. Eine einzelne Wimper teilte sich in exakt 796 Teile, glitt den feuerroten Rachen der Mörderpflanze hinunter und verschwand. Ward nie mehr gefunden. Seine Nase rannte ihr nach, doch es war hoffnungslos, denn diese rutschte auch den dicken Hals hinab. Seinen Ohren blühte dasselbe Schicksal, eins nach dem anderen. Zuerst hörte er laute klassische Folklore, dann Trompetengeschrei und zuletzt Applaus. Dieser galt ihm. Ihm allein. Es blubberten bunte Sternchen aus dem Maul des Gewächses, die eine Straße bildeten – die Milchstraße. Seine Finger wanderten dort entlang und hatten großen Spaß dabei. Die Blume schloss ihr Maul, während er so vor sich hin schmolz.
Er zerfloss förmlich.
Von einer Sekunde auf die andere bemerkte er ein spitzes Stechen in seinem Hinterteil. Mit einem Schlag wurden seine Augen wieder zurück in die Höhlen gepfeffert. Die Wimper setzte sich wieder zusammen und wurde an den Kranz gepappt. Seine Nase wurde nachlässig mitten ins Gesicht gesteckt und verlor Flüssigkeit, roten Sirup. Ebenso die Ohren. Diese wurden allerdings – tränentropfend – festgenäht. Aus allen Körperöffnungen floss in Wasserfällen liebesroter Sirup. Als sich diese Öffnungen wieder einigermaßen beruhigt hatten, öffnete er langsam die Augen. In der Ecke neben dem Bett war ein kleiner Spiegel über einem Waschbecken angebracht. Er stolperte dorthin, um sich seines Äußeren bewusst zu werden. Er erschrak ungeheuer, als er sein Spiegelbild erblickte. Er sah ein kreidebleiches Mann-Menschwesen mit einem Stück gemusterten Stoff um den Leib und Schläuchen, die aus den unmöglichsten Öffnungen herauskamen. Dieser Anblick schockierte ihn so sehr (besonders die Schläuche), dass er sein Werkzeug verlor. Er fiel zu Boden. Ein Totenkopfäffchen wendete sich ihm zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dies bekam er nur durch Umwege mit. Die Worte mussten zuerst ein Labyrinth durchlaufen, um zum Kern zu gelangen. Auf diesem Weg begegneten sie dem Zweifel. Er sagte, dass die einzige Möglichkeit aus dem Labyrinth zu kommen, der sichere Tod durch das Ersticken der Keime und das Herausziehen aller Schläuche sei. Die Worte ignorierten das und gingen weiter. Als nächstes trafen sie die Rationalität, welche zu ihnen sehr vorsichtig sprach und kund gab, dass man nur den Satz des Pythagoras anwenden müsse, um schließlich die Lösung, also den Ausgang des Labyrinths zu finden. Die Worte behielten dies im Hinterkopf, jedoch wussten sie insgeheim, dass es auch einen anderen Weg zum Werkzeug geben musste. Nach einer Weile lief ihnen die Melancholie über den Weg. Sie beklagte sich über einen Mangel an nährenden Schadstoffen und giftigen Tränensäcken. Auch sie ließen die Worte bald zurück in ihrem Leid, denn sie konnten nichts anderes dazu sagen, als das, was sie eben waren. Und diese Nachricht war für das Werkzeug bestimmt. Sie irrten noch ein wenig umher, bis sie schließlich auf den Pessimismus stießen. Dieser wusste sofort, was los war und riss die Buchstaben kurzerhand auseinander, sodass die Nachricht zerstört war.
Das Äffchen hoppelte davon, als wäre nichts gewesen.
Er bildete sich ein, sehr schwach, wie durch hundert Wände, eine Stimme zu hören, die „es ist ein Kind!“ schrie, bevor sein Werkzeug, ohne jegliche Verabschiedung, verschwand und niemals wiederkehrte.

Das Licht war schwarz
Das Licht wurd‘ weiß
Badete im Himmel.
Das Licht war schwarz
Das Licht wurd‘ weiß
Sendete die Freiheit.
Das Licht war schwarz
Das Licht wurd‘ weiß
Liebkoste den Vater.